In Auchel die Wirklichkeit kennenlernen

Die Besucher aus Letmathe vor dem Louvre in Paris
Die Besucher aus Letmathe vor dem Louvre in Paris
Foto: IKZ
Es läuft nicht unbedingt rosig mit der Städtepartnerschaft Letmathe - Auchel. Die Vorsitzende Susanne Zebandt erläutert im Gespräch mit der Heimatzeitung ihre Sorgen und Hoffnungen für die Zukunft.

Letmathe.  . Haben sich Städtepartnerschaften mit dem westlichen Ausland wie zwischen Letmathe und Auchel überlebt? Brauchen wir noch einen Schüleraustausch mit Frankreich in einem Europa ohne Grenzen und in einer Zeit, in der man sich über moderne Medien jederzeit mit jedem Menschen an welchem Ort auch immer austauschen kann? Ist das Kennenlernen fremder Kulturen durch Reisen ins Ausland nicht schon selbstverständlich geworden?

Susanne Zebandt will dieser kritischen Sichtweise nicht pauschal widersprechen. Aber sie ist ganz sicher: „Die Städtepartnerschaft mit Auchel, die seit nunmehr 50 Jahren besteht, und die vor allem in den ersten Jahren ungeheuer viel für die Völkerverständigung gebracht hat, kann auch heute noch für Letmathe von hohem Wert sein.“

In einer Familie zu leben ist eben kein Hotelaufenthalt

Und das begründet die Vorsitzende des Partnerschaftskomitees mit ihrer eigenen persönlichen Erfahrung: „Bei Reisen ins Ausland bekommt man oft nur einen flüchtigen Eindruck von dem jeweiligen Land. Wenn man aber als junger Mensch für eine oder zwei Wochen in einer Familie lebt, lernt man die Lebensweisen, Ansichten und Gewohnheiten wirklich kennen und man kann Vorurteile abbauen.

Susanne Zebandt erzählt ein Beispiel: „Ich bin als junges Mädchen selbst mehrmals im Rahmen eines Schüleraustausches in einer Familie in Auchel gewesen. Ich weiß noch genau, dass ich bei Freunden immer nur willkommen war, denn der Großvater nicht im Haus war. Die Herren wollten wegen der Kriegserlebnisse keinen Deutschen im Haus haben. Es dauerte einige Jahren - ich besuchte die Familie - immer wieder - bis die Vorbehalte abgebaut waren und sich das Verhältnis entspannte.“

Heute sind die Ressentiments weitgehend überwunden. Alle, die die Städtepartnerschaft mit Leben füllten, können stolz darauf sein. Auch wenn ein Besuch der vielen Soldatenfriedhöfe bei Auchel gut tut, daran erinnert zu werden, dass die Bewahrung des Friedens eine bleibende Aufgabe für alle ist. Heute geht es vor allem darum, die Wirklichkeit eines Landes einmal nicht aus der Touristenperspektive zu entdecken, sondern Menschen kennenzulernen und zu sehen, wie sie im normalen Alltag leben.

Genau an dieser Stelle fängt das Problem an, das gegenwärtig aus französischer Sicht den Austausch erschwert. Die Bergbaustadt Auchel hat nach der Schließung der Kohlenminen einen schmerzlichen Absturz erlebt, ist in den letzten fünf Jahrzehnten von über 26000 auf 11000 Einwohner geschrumpft und gehört sicher nicht zu den reichsten Regionen Frankreichs. Die Arbeitslosigkeit liegt bei zehn Prozent.

„Viele Familien in Auchel haben die Sorge, dass sie deutschen Gästen nicht genug bieten können“, berichtet Susanne Zebandt. „Ich weiß aber, dass sich unsere Schüler dort in der Regel sehr wohl fühlen, und wenn mal nicht alles so ist wie in Deutschland, dann wird es durch die riesige Gastfreundschaft wettgemacht.“ Außerdem: Attraktionen in der Umgebung gibt es durchaus.. Die Atlantikküste ist nicht weit. Oftmals fahren die Familien mit den Gästen sogar nach Paris.

Dynamik des Austausches hat nachgelassen

Dennoch haben unbegründete Sorgen und wohl auch finanzielle Entwicklungen dazu geführt, dass der einst rege Austausch zwischen den Partnerstädten stark zurückgegangen ist. Hatten früher viele Vereine wie Borussia Dröschede, die Kolpingfamilie Letmathe, die Sportfreunde Oestrich oder der Schwimmverein Albatros den Austausch mit Leben erfüllt, so ist der Rückgang spürbar. Viele Familienfreundschaften blieben erhalten,, aber der Schüleraustausch mit Realschule und Gymnasium Letmathe ließ nach. Er kommt nur noch unregelmäßig zustande und nur noch mit dem Gymnasium.

Als über Pfingsten eine 20-köpfige Delegation zur Feier des 50-jährigen Partnerschaftsjubiläums nach Auchel reiste, „wurden wir Letmather herzlich empfangen“, wie sich Vizebürgermeister Michael Scheffler erinnert. Und auf beiden Seiten wurde die Fortsetzung der Freundschaft beschworen. Doch Susanne Zebandt würde sich einen regeren Austausch wünschen. Manchmal fragt sie sich, ob es an fehlenden finanziellen Möglichkeiten liegt. „Wir bekommen als Komitee Zuschüsse von der Stadt, in Auchel ist das nicht so.“

Es gibt auch Lichtblicke: Erst kürzlich war die Musikgruppe „Toto Biclo“ aus Auchel beim Kultur- und Friedensfest in Letmathe zu Gast, der SGV Letmathe und ein Wanderverein in Auchel haben sich gegenseitig besucht und zwischen der Feuerwehr Obergrüne und ihrem Gegenpart in Auchel bahnen sich neue Kontakte an.

Im nächsten Jahr wird das 50-Jährige in Letmathe gefeiert. Bei aller Skepsis hat Susanne Zebandt die Hoffnung auf eine Wiederbelebung der Partnerschaft nicht verloren. Und Michael Scheffler pflichtet ihr bei: „Diese Partnerschaft muss weitergehen. Sie ist richtig und sie ist wichtig.“

Susanne Zebandt fragt: „Wer hat noch Dokumente und Fotos aus der Geschichte der Partnerschaft? Wer hat noch Kontakte, die mir nicht bekannt sind?“ Außerdem hat sich Jackie Gouillart, Enkel des früheren Aucheler Bürgermeisters Leon Bellanger, gemeldet. Er möchte die Menschen, die er in den 60er Jahren in Letmathe kennenlernte, gern wiedersehen. Wer helfen kann, melde sich bei Susanne Zebandt, 0175 / 362 8277..

 
 

EURE FAVORITEN