Vollblut-Nazi mit Knopflochkamera

Der Regisseur Peter Ohlendorf in einem ganz besonderen Outfit: Das gelbe Sakko diente als Tarnung des Undercover-Filmers Thomas Kuban im Film „Blut muss fließen“ und ist zum Symbol gegen Nazis geworden.
Der Regisseur Peter Ohlendorf in einem ganz besonderen Outfit: Das gelbe Sakko diente als Tarnung des Undercover-Filmers Thomas Kuban im Film „Blut muss fließen“ und ist zum Symbol gegen Nazis geworden.
Foto: Michael May IKZ
Wir führten ein Gespräch mit Filmemacher Peter Ohlendorf über den Dokumentarfilm „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“, der im Rahmen der Anne-Frank-Ausstellung in Iserlohn gezeigt wurde und für den der Journalist Thomas Kuban zum Undercover-Nazi wurde.

Iserlohn..  Da stehen sie, die Nazis. In Bomberjacke und Springerstiefel. Die Glatze frisch rasiert. In der linken Hand die Bierflasche, die rechte hochgerissen zum Hitlergruß. Und dann grölen sie zu lauter Musik: „Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Judenleib.“

Unter ihnen ein Mann, den alle Besucher dieses Konzertes mittlerweile am liebsten umgebracht hätten: Thomas Kuban. Ein Mann, der nicht auffiel, der aussah wie ein „Vollblut-Nazi“. Der einzige Unterschied: Er war ausgestattet mit einer Knopflochkamera. Mit einer Kamera, die dokumentieren sollte, was hinter dem Rücken der Gesellschaft und vor allem der Justiz auf Rechtsrockkonzerten geschieht – was für eine Anziehungskraft die Neonazi-Szene hat.

Das gelbe Sakko als Markenzeichen und Tarnung

Thomas Kuban ist das Pseudonym des Journalisten, der von 2004 bis 2009 undercover auf Nazi-Konzerten unterwegs war. In Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Peter Ohlendorf entstand 2012 der Film „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“, dessen Titel auf dem oben zitierten Lied „Blut muss fließen“ der Rechtsrockband „Tonstörung“ beruht. Diesen stellte Ohlendorf nun im Rahmen der Anne-Frank-Ausstellung in Iserlohn vor.

Zum Gespräch mit unserer Zeitung erscheint der Filmemacher noch in einem schwarzen Mantel, für das eigentliche Interview wirft er sich allerdings ein gelbes Sakko über. „Das ist das Markenzeichen von Thomas Kuban in den Szenen, bei denen er an die Orte der Konzerte zurückkehrt und mit Behörden oder Politikern spricht“, sagt Ohlendorf. Ein Markenzeichen, das gleichzeitig als Tarnung dient und dem Menschen hinter der Maskerade aus gelbem Sakko, großer Sonnenbrille und Heino-Perücke ein normales Leben garantieren soll. „Würden die Rechtsradikalen Thomas Kuban erkennen, wäre er tot. Sie würden ihn nicht nur einfach umbringen, sie würden ihn abschlachten.“ Diese Worte beschreiben die Brisanz des Themas, mit dem sich Kuban und Ohlendorf auseinandergesetzt haben.

Während der Besuche auf den Konzerten hingegen war Kuban Teil der großen Bewegung. Teil der Neonazis. „In seinem zwei Meter großen Schrank hatte Thomas die gesamte Packung Nazi, um zu keinem Zeitpunkt aufzufallen“, so Ohlendorf. Schließlich wollte der Journalist unter falscher Identität nicht nur einfach informieren. Er wollte ermitteln. Er wollte die Justiz mit seinen Recherchen zum Umdenken bewegen. „Das Projekt Thomas Kuban war auf der einen Seite das einfachste und zugleich das effektivste, um die wahren Hintergründe der Szene an die Öffentlichkeit zu bringen. Über die V-Leute des Verfassungsschutzes lache ich mich ja tot“, kritisiert Ohlendorf das Vorgehen der Behörden im Umgang mit diesem Thema.

Anreise zu Konzertenwird zur Schnitzeljagd

Im Film reist Kuban quer durch die Bundesrepublik, an all die Orte, an denen er als „Undercover-Nazi“ an Rechtsrockkonzerten teilgenommen hatte. Die Anreise zu den Konzerten glich teilweise einer Schnitzeljagd. Verschiedene Informationen und Stationen führten Kuban letztlich zum Veranstaltungsort. Zu teilweise öffentlichen, aber oftmals auch zu völlig von der Gesellschaft abgeschotteten Konzerten. Zu Straftaten kam es dort en masse. Hitlergruß, menschenverachtende Texte und Volksverhetzung sind nur Auszüge daraus – die Polizei schritt nicht ein.

Genau mit diesen Aufnahmen konfrontierte Kuban die zuständigen Politiker. Unter anderem Innenminister Wolfgang Schäuble oder den ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein. Sie redeten die Vorkommnisse klein.

Das will Peter Ohlendorf nicht. Er will weiterhin auf das Thema aufmerksam machen. Genau aus diesem Grund zieht er mit dem Film nun schon seit drei Jahren durch ganz Deutschland. „Rechtsradikalismus war in Deutschland lange gar nicht präsent in der Öffentlichkeit. Seit dem NSU-Skandal hat sich das etwas geändert. Aber auch dieses Thema wollen die Politiker schnell wieder abhaken“, sagt Ohlendorf. Und genau das sei der falsche Ansatz. Denn nur wer sich mit der Neonazi-Szene auseinandersetzt, kann diese Gefahr abwenden. Und das sollte das große Ziel aller Bürger in Deutschland sein. Peter Ohlendorf trägt seinen Teil schon mal dazu bei.

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