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Ungewohnt und deswegen ein echter Gewinn

Julia Mihaly sang bei ihrem Konzert in der von Kerzen ausgeleuchteten Obersten Stadtkirche
Foto: Michael May/IKZ
Julia Mihály hat in Iserlohn ein erstaunlich großes Publikum gefunden und mit Neuer Musik begeistert.
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Iserlohn..  So unterschiedlich kann die Wahrnehmung sein. Für das Publikum auf der einen Seite war der Auftritt von Julia Mihály mit Sicherheit das Avantgardistischste, was es seit langer langer Zeit in Iserlohn zu hören bekommen hat. „Ungewohnt“, „schwierig“ oder „da muss man sich erstmal reinhören“ – so klangen die Kommentare nach dem Konzert in der Obersten Stadtkirche. Einige wenige sind sogar nach den ersten paar Klängen entrüstet gegangen – auch so was gibt es 100 Jahre nach Arnold Schönberg noch. Auf der anderen Seite steht Julia Mihály selbst, die in einer Rund-Mail zum Jahresbeginn geschrieben hatte, dass der Januar „stimmlich unter einem eher traditionellen Stern mit Kompositionen von Reimann, Gubaidulina und Hildegard von Bingen“ stehe. O.K.!? Als traditionell hat das wohl niemand sonst empfunden, aber warum nicht. Die Wahrnehmung ist da eben ziemlich unterschiedlich.

Aufträge zeitgenössischer Komponisten

Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen. Aber egal wie, fest steht, dass die aus Iserlohn stammende Julia Mihály mit ihren 29 Jahren immer stärker Fuß in der Neuen-Musik-Szene fasst. Aufträge zeitgenössischer Komponisten für Uraufführungen ihrer Werke häufen sich ebenso wie Einladungen zu den führenden Festivals. Dabei bewegt sie sich mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Performances mit Stimme und Live-Elektronik sehr weit an der Spitze, was Modernität und das Erschaffen des zu verarbeitenden musikalischen Materials angeht.

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Natürlich sind das dann keine Schubert-Lieder mehr. Und mit einem „Ach nä, watt schön“ kann man einen solchen Abend nicht abhaken. Dafür ist das alles dann in der Tat zu neu und fremd. Allein schon, dass man bei dieser Musik trotz der wunderbaren und blendend gut ausgebildeten Stimme, kaum mehr von Gesang spricht. Es handelt sich um Werke für Stimme, bei denen Julia Mihály an die Grenzen geht und es sehr geräuschhaft zischen, ploppen, klacken, gurgeln, schreien, schluchzen, hauchen und lachen lässt. Ganz ohne Frage ist das für den „normalen“ Musikkonsumenten sehr speziell, neu und ungewohnt. Ebenso fraglos haben sich aber gerade diese Stücke an den Grenzen des Gesangs durch eine außerordentliche Gesangs-Qualität ausgezeichnet, die Julia Mihály mit größter Souveränität und verblüffender Klangschönheit gestaltete.

Die staunenswertesten Klänge bescherte die Sängerin ihrem Publikum aber, als sie in einen Dialog mit der Elektronik trat. Den akustisch bestens geeigneten Kirchenraum hatte sie am Sonntagabend ohnehin mit Beiträgen von verschiedenen Positionen aus – hinter dem Altar stehend oder im Rücken des Publikums singend – voll ausgenutzt.

Die Stimme live verfremden,verzerren und doppeln

Durch den Einsatz der vier Boxen, die das Publikum umgaben, wurde das Klangerlebnis aber noch einmal deutlich gesteigert. Zunächst mit dem Werk „Sequitur IX“ für Stimme und Live-Elektronik von Karlheinz Essl, bei der sie ihre Stimme durch ein vom Komponisten entwickeltes Computerprogramm verfremden, doppeln und verzerren ließ, was immer wieder neue Muster und harmonische Effekte aus dem Solo-Gesang herausschälte.

Komponist Felix Leuschner bediente die Elektronik

Und dann mit den Ophelia-Gesängen für Sopran und 4-Kanal-Zuspielung von Felix Leuschner, der selbst anwesend war und nicht nur die Elektronik bediente, sondern auch durch das Programm führte. Julia- Mihály, die dieses Werk 2013 uraufgeführt hat, hatte dazu zuvor im Studio vier getrennte Spuren mit Gesang und Geräuschen eingespielt, die nun aus den vier Boxen kamen und zu denen sie live sang. Und das war dann zum Abschluss des Konzertes ein außergewöhnlich eindringliches Erlebnis, auf das sich einzulassen nicht nur hoch interessant, sondern auch ein himmlischer Genuss und ein Gewinn war.

Am erfreulichsten war aber, dass die Positionen der Boxen verriet, dass die Veranstalter vom Kantorat an der Obersten Stadtkirche ganz offensichtlich nur mit einer Handvoll Zuhörern gerechnet haben. Als Julia Mihály vor zwei Jahren das letzt Mal in Iserlohn war und „Three Voices“ von Morton Feldman in der Reformierten Kirche aufgeführt hatte, war das auch so. Nun lagen sie mit ihrer Schätzung aber falsch. Die Iserlohnerin erobert sich auch in ihrer Heimatstadt ein immer größeres Publikum, und am Sonntag waren es schon weit über 100 interessierte Zuhörer, die die Kirche bis hinten hin füllten.

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