Unbekannter Helfer, wo bist du?

Mittlerweile kann Werner Spill wieder vorsichtig auf Krücken laufen. Bei seinem Sturz hat er sich einen Spiralbruch im Oberschenkel zugezogen.
Mittlerweile kann Werner Spill wieder vorsichtig auf Krücken laufen. Bei seinem Sturz hat er sich einen Spiralbruch im Oberschenkel zugezogen.
Foto: Kevin Pinnow
Werner Spill stürzt beim Wandern und verletzt sich schwer. 30 Minuten langliegt er hilflos im Wald – bis endlich ein Mann seine Hilferufe hört.

Iserlohn..  Es war ein klarer, kalter Tag. Einer der ersten winterlichen in diesem Jahr. Werner Spill, ein geübter Wanderer, will das gute Wetter nutzen. Er fährt mit seinem Wagen zu den Stadtsteichen, von dort aus wandert er in Richtung Gut Holmecke. Gute drei Stunden ist er unterwegs. Auf seinem Weg trifft er kaum eine Menschenseele, nur ganz vereinzelt laufen andere Spaziergänger an ihm vorbei. Der 75-Jährige ist mit seiner Runde fast fertig, nur noch 500 Meter trennen ihn von seinem Auto. Doch plötzlich knickt er um, fällt hin – und kann vor Schmerzen nicht mehr aufstehen.

„Das Bild habe ich jetzt noch genau vor Augen“, sagt der 75-Jährige, der seit dem Sturz vor rund zwei Wochen im St. Elisabeth-Hospital liegt. Spiralbruch im Oberschenkel lautet die Diagnose. „Ich wusste sofort, da ist was im Eimer“, erinnert er sich. Trotzdem handelt er geistesgegenwertig richtig, bringt sich selbst in die stabile Seitenlage und greift zu seinem Handy. „Meine Frau wollte ich nicht anrufen, die wäre sofort panisch geworden“, sagt er. Er entscheidet sich für die 112, doch er kommt nicht durch – kein Netz.

Alle zehn Sekunden laut nach Hilfe gerufen

Weit und breit ist niemand zu sehen. 30 Minuten lang liegt der Rentner auf dem kalten Waldboden, seine Handschuhe hat er sich als Kissen unter den Kopf gelegt. „Ich habe alle zehn Sekunden laut um Hilfe gerufen.“ Immer und immer wieder. Werner Spill wird übel, die Kräfte lassen nach. Doch plötzlich hört er eine Stimme. „Ich habe so laut geschrien, wie ich konnte.“ Es hilft. Ein Mann, 50 bis 55 Jahre alt, mit einem Hund kommt zur Hilfe.

„Er hat sofort den Notarzt angerufen“, berichtet Spill. Um die Fragen zum Unfallhergang möglichst präzise beantworten zu können, reicht der Mann das Handy an Spill weiter. „Fünf bis sechs Minuten sollte es dauern, bis der Notarzt eintrifft“, erinnert sich der Gestürzte. Der Retter bleibt die ganze Zeit an seiner Seite. Eine mittlerweile dazugestoßene Frau schickt er in Richtung Parkplatz, um den ankommenden Rettungswagen an den richtigen Ort zu lotsen.

„Der Mann hat alles richtig gemacht, was man richtig machen konnte. Er hat mich beruhigt, viel mit mir geredet und mich aufgebaut“, lobt Spill das Verhalten des Helfers. Das Eintreffen des Notarztwagens bekommt der 75-Jährige schon gar nicht mehr mit, er ist in Ohnmacht gefallen. Erst im Krankenhaus wacht er wieder auf.

Den Namen des Helfers hat Spill nicht mehr verstanden

Werner Spill geht es mittlerweile wieder den Umständen entsprechend gut. In einer fünfstündigen Operation hat man sein Bein wieder geflickt, eine Platte mit Schrauben eingesetzt, um den Knochen zu fixieren. Eine 57 Zentimeter lange Narbe ziert nun sein Bein. „Aber auf den Laufsteg wollte ich damit eh nicht mehr“, scherzt er. Ab heute geht es für ihn in die Reha nach Bad Sassendorf, noch rund zwei bis drei Monate wird er mit dem Bruch zu kämpfen haben.

Dass es letztlich nur ein Bruch ist, hat der ehemalige Mitarbeiter bei einer Krankenkasse vor allem dem Ersthelfer zu verdanken. „In anderen Städten sind Menschen an verletzten und kranken Leuten vorbeigegangen. Der Mann hat auf diese Art seine Menschlichkeit bewiesen“, verweist Spill auf die Geschehnisse in Essen, wo vor einigen Wochen vier Kunden über einen reglos am Boden liegenden Mann gestiegen sind, ohne ihm zu helfen. Der Mann verstarb.

Wer weiß, wie es Werner Spill ergangen wäre, wenn der Unbekannte nicht auf die Hilferufe des Rentners reagiert hätte. Und genau deswegen ist es Spill ein großes Anliegen, dem Mann dafür zu danken. „Er hat mir seinen Namen genannt, aber leider konnte ich ihn mir nicht merken.“ Der Mann habe den Namen sogar buchstabiert, er soll mit Cz angefangen haben aber „Schü“ ausgesprochen werden. Außerdem hat Werner Spill dem Retter einen Zettel mit seiner Telefonnummer gegeben, bislang hat er nicht angerufen. „Es wäre toll, wenn er das noch tun würde.“

 

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