Realschüler besuchen Senioren

„Verliebt“ haben sich die Realschüler auf Anhieb in den 88-jährigen Anton Johannes Kowalski.
„Verliebt“ haben sich die Realschüler auf Anhieb in den 88-jährigen Anton Johannes Kowalski.
Foto: IKZ
Sozial-Praktika absolvieren ab sofort die Sechstklässler der Realschule Am Hemberg in sechs Seniorenzentren.

Iserlohn..  „Guten Tag“, sagt Christopher ein wenig schüchtern, aber mit einem strahlenden Lächeln zu dem älteren Herrn, den er im Flur des Seniorenzentrums Waldstadt Iserlohn (SWI) trifft. Für den 88-jährigen Anton Johannes Kowalski ist der Gruß der willkommene Anlass, den Sechstklässler in ein Gespräch zu verwickeln. „Was macht Ihr hier?“, will der Senior wissen und bewegt seinen Kopf in Richtung der übrigen Jugendlichen, die sich eben noch mit Einrichtungsleiter Meinolf Breimhorst eines der Badezimmer angesehen haben.

Grund für den Besuch der Hemberg-Realschüler und ihrer Rektorin Ute Neugebauer an diesem Vormittag ist ein neues Projekt: „Old meets Young“ heißt es und hat zum Ziel, Hemmschwellen bei den Sechstklässlern abzubauen und ihr Verständnis für die ältere Generation zu fördern. In insgesamt sechs Einrichtungen absolvieren zunächst die Klassen 6a und b, später die Klassen 6c und d, Sozialpraktika. „Die Idee hatte ich, weil das soziale Engagement weiter gefördert werden soll“, so Ute Neugebauer. Über Georg Christophery von der Abteilung Jugendarbeit bei der Stadt Iserlohn waren schnell die Kontakte zu den Heimen hergestellt. Eine wöchentliche Unterrichtsstunde „Soziales Lernen“ steht mittlerweile auf dem Lehrplan der sechsten Realschul-Klassen am Hemberg. Nach dem Einführungs-Vormittag werden die Jugendlichen nun ab sofort alle 14 Tage mittwochs für eineinhalb Stunden in den Einrichtungen zum Einsatz kommen.

Was genau sie dort tun werden, wollen sie noch festlegen. Ob es eine Vorlese-Runde oder gemeinsames Singen oder einfach „nur“ ein Gespräch zwischen Jung und Alt ist, wird individuell beschlossen. Die um die 12 Jahre alten Teenager gehen immer allein in eine Abteilung, damit ihre volle Konzentration auf den Senioren liegt. Wie sich die alten Menschen fühlen, das haben die Schüler bereits im Vorfeld kennen gelernt, beispielsweise mussten sie durch eine verschmierte Brille schauen.

Vor dem praktischen Einsatzsteht die Theorie

Und wie das Leben in einem Seniorenzentrum verläuft, erklären ihnen bei der Einführung die jeweiligen Heim- und Pflegedienstleitungen. Im SWI führen dementsprechend Meinolf Breimhorst und Roswitha Tymoszuk die Gäste durch das Haus. Los geht es mit der Theorie: Warum kommen Menschen ins Heim? Was kostet das? Was ist eine Pflegestufe, und wie viele gibt es davon? Während der Ausführungen entstehen bei den Schülern immer mehr Fragen. So will eines der Mädchen beispielsweise wissen, zu welchen Zeiten die Bewohner ihre Mahlzeiten einnehmen. Die Pflegedienstleiterin erklärt, dass die Zeiten flexibel gehalten werden, gefrühstückt wird zum Beispiel zwischen 8 und 9.30 Uhr. Ebenso erfahren die Mädchen und Jungen, dass die Bewohner beim Essen auch Wünsche äußern dürfen und dass Reibeplätzchen der absolute Renner im SWI sind.

Wann müssen die Senioren ins Bett? „Schlafenszeiten gibt es hier auch nicht, jeder kann kommen und gehen, wann er will – stellt Euch das wie in einem Hotel vor“, so Roswitha Tymoszuk, die ihre jungen Zuhörer zum Lachen bringt, als sie erzählt, dass so mancher Rollstuhlfahrer nicht nur seinen Wohnbereich, sondern auch die Innenstadt unsicher macht. „Manchmal müssen wir zur Seite springen.“

Auch Senioren nutzen GPS,Handys und Spielkonsolen

Sind die Bewohner einverstanden, werden sie für unbegleitete Ausflüge auch mit einem GPS-Gerät ausgestattet. Große Augen bei den Hemberg-Schülern. „Haben die Bewohner eigentlich Fernseher im Zimmer?“, will ein Junge wissen. Selbstverständlich, so Breimhorst. Und: „Stellt Euch das hier so vor: Alles ist wie zu Hause, nur größer und in der Gemeinschaft.“

Letztere schätzt Anton Johannes Kowalski, der zwei Mal pro Woche in die Tagespflege kommt. Zu seinem Bedauern nicht mittwochs, denn das wird künftig der Tag sein, an dem Alt auf Jung trifft. Der 88-Jährige kann sich nicht von den Teenagern losreißen, die wiederum laden sich schon einmal selbst ein, als er für seinen 90. Geburtstag eine große Fete ankündigt.

 

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