Plädoyer für eine neue Lern- und Schulkultur

Bildungsreformerin Margret Rasfeld referierte vor Lehrern, Schulpolitikern, Eltern und Schülern über „Schule im Aufbruch“.
Bildungsreformerin Margret Rasfeld referierte vor Lehrern, Schulpolitikern, Eltern und Schülern über „Schule im Aufbruch“.
Foto: Josef Wronski/IKZ
Bildungsquerdenkerin Margret Rasfed und ihre Schülerinnen boten auf Einladung des Bildungsforums Iserlohn, der Stadtpflegschaft und der Kinderlobby imponierende Praxis-Beispiele für „Schule im Aufbruch“

Iserlohn.  „Mit dem Thema ‘Schule im Aufbruch’ haben wir offenbar einen Nerv getroffen“, freute sich Michael Joithe vom Bildungsforum Iserlohn über die große Resonanz beim Vortrag von Margret Rasfeld. Zur Gemeinschaftsveranstaltung mit der Kinderlobby und der Stadtschulpflegschaft waren am Freitag neben Vertretern der Stadt Iserlohn, allen voran die erste Beigeordnete Katrin Brenner, viele interessierte Lehrer, Eltern und Schüler gekommen, um die bekannte Bildungsquerdenkerin zu hören.

Margret Rasfeld stellte zusammen mit Vorzeigeschülerinnen aus Berlin mit vielen imponierenden Beispielen aus der eigenen Praxis vor, wie ihre Evangelische Schule Berlin Zentrum den Wandel der Lernkultur bewältigt. Mit ihren Impulsen zur Bildungsinnovation reist die Referentin bei Kongressen im Bereich Bildung und Wissenschaft viel durch die Lande, durch Deutschland, die Schweiz, Österreich und sogar nach Albanien.

„Wir müssen Schule neu denken“, plädiert sie für einen Paradigmenwechsel als Antwort auf Herausforderungen im 21. Jahrhundert. „Wir müssen anfangen, Schüler in den Mittelpunkt zu stellen und deren Potenziale zu sehen und zu fördern“, ist eine Kernforderung.

Das bisherige Bildungssystem halte sich nur durch Nachhilfe aufrecht. Aber nicht jede Familie könne sich das leisten. „Deutschland hat das ungerechteste Bildungssystem“, erklärt Margret Rasfeld, die auf eine Erfahrung auf 35 Jahre im Schuldienst zurückgreifen kann. „Ein Drittel der Schulkinder nimmt Medikamente und geht mit Bauchschmerzen zur Schule“, weiß die Bildungsquerdenkerin, die anstelle von reiner Wissensvermittlung zu einer Lernkultur der Potenzialentfaltung, Wertschätzung und vertrauensvollen Beziehung steuert.

Mit Erfolg, wie ihre Gemeinschaftsschule erlebte, die über mehrere Jahre wissenschaftlich begleitet wurde und Preise für die Hochbegabtenförderung bekam. Auch war der Lernzuwachs im Verhältnis zu anderen Schulen deutlich höher, berichtet Margret Rasfeld mit erkennbarem Stolz.

Im eigenen Tempo lernen

„Ich kann in meinem eigenen Tempo lernen“, erzählt Schülerin Fee Jäger aus der Praxis der Lernbüros für die Fächer Deutsch, Englisch, Mathematik sowie Natur und Gesellschaft. Sie fügt hinzu: „Wir arbeiten individueller!“ Dabei helfen sich die Schüler auch untereinander in der Jahrgangsmischung von sieben bis neun. In „Logbüchern“ vermerken sie ihre Wochenziele, ihre Lernfortschritte und in der „Stolzecke“ ihre Erfolge. „Die wertschätzende Beziehungskultur ist wichtig“, betont Rasfeld: Die Lehrer schlüpfen in die Rolle von Tutoren und Lernbegleitern, die jedes Kind individuell unterstützen. „Man kriegt strahlende Augen, ein Danke, das ist eine Kraftquelle“, schildert die Bildungsreformerin, wie die neue Schulkultur auch den Lehrern gut tue. Schülerin Fee Jäger berichtet von einer guten Beziehung zu ihrem Tutor. An der Grundschule habe sie demgegenüber Angst vor ihren Lehrern gehabt. Traditionelle Fächer werden in neuen Formaten im „Lernbüro“ oder in der „Werkstatt“ vermittelt. Dort gebe es eine intensive Förderung der Interdisziplinarität und des Selbstlernens.

Verantwortung als Schulfach

Das Schulfach „Verantwortung“ gebe es einmal wöchentlich in den 7. und 8. Klassen. „Mein Ziel ist es, dass ein Drittel aller Schüler solche Sachen machen“, erklärt Margret Rasfeld, die auch anhand von Filmbeispielen imponierende Projekte ihrer Schüler vorstellt. „Die Kinder sind über sich hinausgewachsen.“ „Wir haben für Drogensüchtige und Prostituierte gekocht“, berichten Ivana Louric und Fee Jäger von einem gelungenen Experiment im Fach „Verantwortung“. Rasfeld erläutert auch, worum es im Schulfach Herausforderung geht, wo Schüler mit 150 Euro drei Wochen auskommen müssen und dabei fürs Leben lernen.

Am Ende des Vortrages verteilten die Schülerinnen an die Besucher „Mut-Karten“, damit sie sich anstecken lassen von dem Mut, „Schulen der Zukunft“ zu erfinden und Visionen Wirklichkeit werden zu lassen.

„Da möchte man noch mal Schüler sein“, kommentierte ein Lehrer den Abend voller neuer Impulse für die „Schule im Aufbruch“. Bei dem ausgebuchten Lehrerworkshop am Samstag konnten diese Anregungen noch vertieft werden.

 
 

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