Plädoyer für doppelte Staatsbürgerschaft für „Deutschländer“

Grünen-Chef Cem Özdemir besuchte die DITIP-Moschee in der Bergwerkstraße und sprach mit den Mitgliedern der Türkisch-Islamischen Gemeinde Iserlohn und Vertretern des Integratationsrates.
Grünen-Chef Cem Özdemir besuchte die DITIP-Moschee in der Bergwerkstraße und sprach mit den Mitgliedern der Türkisch-Islamischen Gemeinde Iserlohn und Vertretern des Integratationsrates.
Foto: Michael May/IKZ
Der Grünen-Chef Cem Özdemir besuchte die Türkisch-Islamische Gemeinde Iserlohn und gratulierte dem Sauerländisch-Türkischen Unternehmer-Verein bei einem Festakt auf der Alexanderhöhe zum 15-jährigen Bestehen.

Iserlohn.  Für einen verantwortungsvollen Umgang mit Natur und Umwelt und eine multikulturelle Gesellschaft warb Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, beim Besuch der Türkisch Islamischen Gemeinde in Iserlohn. Er plädierte für den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien und die Absage an die Atomkraft, auch in der Türkei. Das sagte er gerade vor dem Hintergrund, weil in der türkischen Herkunftsregion Sinop vieler in Iserlohn lebender Gemeindemitglieder zwei Atomkraftwerke gebaut werden.

Cem Özdemir kam mit Vertretern des Iserlohner Integrationsrates und der DITIB-Gemeinde ins Gespräch über die doppelte Staatsbürgerschaft und Fragen der Bildungspolitik. „Wir müssen dafür sorgen, dass wir kein Kind zurück lassen“, forderte der gelernte Erzieher und Sozialpädagoge den Ausbau der Kindertagesstätten und Kindergärten und der Ganztagsschulangebote. Und außerdem forderte er Mensen mit gesundem Essen für die Schulen anstelle von Fast food. „Wenn man Banken mit Millionen retten kann, kann man auch Schülern Mensen finanzieren. Özdemir hält das Betreuungsgeld für eine „Schnapsidee“ und will sich dafür einsetzen, dass es wieder abgeschafft wird, wenn Rot-Grün die Wahl gewinnen sollte.

Musikunterricht an Schulen, neben Sport sei ein wirksames Mittel, um Gewalt vorzubeugen.

Cem Özdemir nahm außerdem an der Jubiläumsfeier des Sauerländisch-Türkischen Unternehmervereins (SATIAD) auf der Alexanderhöhe teil. Ähnlich wie SIHK-Hauptgeschäftsführer Hans-Peter Rapp-Frick und SPD-Bundestagsabgeordneter Dagmar Freitag gratulierte er der Organisation zu ihrem 15-jährigen Bestehen. Özdemir und Freitag plädierten beide für das Prinzip der Doppelstaatsangehörigkeit und mehr Integration der multikulturellen Gesellschaft. Den Staatsbürgern zweiter Klasse erteilte Freitag eine Absage. Der Optionszwang passt nicht in ein modernes Staatsangehörigkeitsrecht, sagte Freitag.

Lob an Merkel fürdeutliche Position

Der Grünen-Chef Cem Özdemir ging auf verpasste Chancen zur Verbesserung des deutsch-türkischen Verhältnisses ein: Er hätte sich einen Besuch des damaligen Kanzlers Helmut Kohl bei der Familie Genc nach dem Brandanschlag in Solingen gewünscht. Er lobte Bundeskanzlerin Merkel für die deutliche Position beim Staatsakt für die Opfer der rechtsradikalen NSU: Dass Staat und Gesellschaft Entschlossenheit im Kampf gegen Rechtsextremisten demonstrieren. „Eine Antwort auf die NSU wäre, den Menschen, die die NSU umbringen wollte, die doppelte Staatsbürgerschaft zu geben“, sagte Cem Özdemir, der sich auch für ein Einwanderungsgesetz stark macht. „Wenn es diese Regierung nicht schafft, wir machen es nach dem 22. September“, ist er optimistisch, dass Rot-Grün die Bundestagswahl gewinnt.

SATIAD-Vorsitzender Dr. Ömer Er Derbeder erinnerte an die Zuwanderungsgeschichte seiner Landsleute, die als billige und willige Arbeitskräfte vor 50 Jahren nach Deutschland kamen. Etliche von ihnen haben heute eine Perspektive in der Selbstständigkeit gefunden, hob er die unternehmerischen Talente seiner Mitglieder hervor, die in vielen Branchen vertreten sind, keineswegs nur als Imbissbudenbesitzer und Reisebürobetreiber. Die „Deutschländer“ seien nicht nur Konsumenten sondern stellen eine Bereicherung der unternehmerischen Landschaft dar, betonte Dr. Derbeder, der imponierende Zahlen nannte: Jeder zehnte erwerbstätige Türke gründet seine eigene Firma. Die Migranten betrachten Deutschland als ihre Heimat, aber behalten Identität und Kultur bei. Seine Organisation mit Sitz in Lüdenscheid wolle die Völkerverständigung fördern. Deutschland zähle zu den wichtigsten Partnern der Türkei, sagte der Vorsitzende des sauerländisch-türkischen Wirtschaftsnetzwerkes.

Dr. Derbeder und Cem Özdemir zeichneten Fehmi Eki, Geschäftsführer des Altenaer Drahtunternehmens Eksi Dorstener Draht, zum „Unternehmer des Jahres“ aus.

 
 

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