Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Mit seiner Art der Ansprache hat Omid Pouryousefi in der Realschule Bömberg die Jugendlichen sofort in seinen Bann gezogen.
Mit seiner Art der Ansprache hat Omid Pouryousefi in der Realschule Bömberg die Jugendlichen sofort in seinen Bann gezogen.
Foto: IKZ
Lebendiger Leuchtturm: Omid Pouryousefi war auf Einladung von Checkpoint und Integrationsrat in Iserlohn.

Iserlohn..  Bei der Frage, wer denn hier eigentlich so richtig Deutscher ganz ohne Migrationshintergrund sei, gingen nur sehr wenige Finger nach oben. Die ganz überwiegende Mehrheit der Schülerinnen und Schüler, die gestern Morgen die Lesung von Omid Pouryousefi im großen und fast überfüllten Musiksaal der Realschule am Bömberg besucht haben, hat ihre Wurzeln woanders – zumeist in der islamischen Welt. So sieht es aus an Iserlohner Schulen. Omid Pouryousefi kennt das wahrscheinlich besser als kein anderer. Mit 13 Jahren ist er in den Wirren des Iran-Irak-Krieges ohne seine Eltern und ohne auch nur ein Wort Deutsch zu sprechen im Ruhrgebiet gelandet. Heute leitet der Musik-Produzent, DJ und Buch-Autor unter anderem das Integrationsprojekt „X-Vision Ruhr“ im Bochumer Brennpunkt Wattenscheid. Es wird als eines von zehn „Zukunftshäusern“ im Ruhrgebiet quasi als Integrations-Leuchtturm vom NRW-Landesministerium für Familie, Kinder, Jugend und Kultur gefördert, und im Auftrag der Landesregierung befindet er sich derzeit auf Lese-Tour durch die Schulen des Landes.

Hoffnung gewinnt:„Ihr könnt es auch schaffen

Auch mit 41 Jahren steckt er noch knietief in der Jugend-Kultur und schaffte es mit seiner Art der Ansprache, mit Auszügen aus seinem Buch „Hoffnung gewinnt“ das seine eigene Geschichte erzählt, und mit musikalischen Rap-Einlagen am Bömberg – wie vermutlich an allen anderen Schulen auch – sofort sein jugendliches Publikum zu fesseln und auch für seine Botschaft zu gewinnen. Die wiederum ist klar und lautet: „Seht mich an, wenn es der kleine Omid aus dem Iran schafft, dann könnt ihr es auch schaffen. Deutschland ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, macht etwas draus.“

Im Gespräch mit unserer Zeitung wurde aber auch deutlich, dass er den Schuhen des jugendlichen Rappers so langsam entwächst. Er sitzt für die SPD im Bochumer Integrationsrat, möchte bei der nächsten Landtagswahl kandidieren und hat von daher auch eine eigene und sehr kritische Sicht auf die Integrationsmöglichkeiten in Deutschland. Seit seiner eigenen Schulzeit, als er, wie er sagt, sehr unter einem mangelhaften Schulsystem und fehlenden Förderprogrammen gelitten habe, sei zwar schon eine Menge passiert. Gleichwohl sei aber auch noch eine Menge zu tun. Für ihn ist der Schlüssel für mehr Chancengleichheit in der Schule eine individuelle Auseinandersetzung mit jedem einzelnen Jugendlichen auf Augenhöhe. Ein erfolgversprechendes Mittel dafür sei, den Glauben an sich selbst und an die eigenen Chancen über mehr kulturelle Projekte zu fördern, vor allem auch mit externen Profis aus allen Bereichen der Kultur.

Gleiches gelte auch für die Jugendarbeit generell. Das deutsche System sei viel zu starr und viel zu sehr auf Programme ausgerichtet. „Wir müssen individuell mit den Jugendlichen arbeiten und sie so nehmen, wie sie sind.“ Das koste viel Mühe und auch Geld. Dass es funktionieren kann, zeige aber sein Haus in Bochum ebenso wie das „Checkpoint“ der Ev. Versöhnungs-Kirchengemeinde im Iserlohner Lutherhaus, mit dem er eine Partnerschaft pflegt und über die auch die drei Iserlohner Lesungen bei seiner derzeitigen Tour zustande kamen. Hier werde echte Partizipation gelebt, die Jugendlichen lernen, dass sie mitmachen können und sich integrieren können und genau das sei der Weg in die Zukunft mit dem Ziel, die Möglichkeiten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch zu erhöhen.

Staatsfeind in seinerHeimat Iran

Das mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten meint Omid Pouryousefi absolut ernst, wie er gestern im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte. Er wisse es sehr zu schätzen, in einer freien Demokratie ohne jegliche Repressalien zu leben. In seiner Heimat sei das nach wie vor ganz anders. Er selbst gilt im Iran als Staatsfeind. „Wenn ich dort einreise, werde ich sofort abgeführt. Das Urteil würde vermutlich Todesstrafe lauten,“ sagt er. Vor zwei Wochen habe er noch auf der Internetseite der Revolutionswächter der Militärs gelesen, dass Omid Pouryousefi zum Verderben der Iranischen Kultur beitrage und von der deutschen Regierung bezahlt werde, um die Kultur im Iran zu unterwandern. „Schön wär’s“, sagt Omid Pouryousefi.

Hoffnung ja, aber keineIllusionen machen

Natürlich sei es so, dass der neue Regierungschef Hassan Rohani Hoffnungen wecke, dass sich das repressive System im Iran zum positiven verändere.

Grundsätzlich sei es aber auch so, dass man sich da keinen allzu großen Illusionen hingeben dürfe – nicht nur wegen der islamischen Verfassung des Landes und dem Monopol weniger Mächtiger. „Die Kultur der Menschen und ihr Verständnis von Demokratie ist eine ganz andere als hier in Deutschland. Der Prozess zur Demokratisierung wird sehr, sehr lange dauern. Und fördern kann man diesen Prozess nur mit Bildung, Bildung und Bildung.“

 
 

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