„Es ist es wert, alle Kinder zu inkludieren“

Gemeinsam für mehr Inklusion in den Schulen: Sonja Busch (l.) und ihr Mann Norbert Busch (4. v. r.) haben im Vorfeld des Vortrags von Bildungsexperte Wilfried W. Steinert viele Unterstützer an einen Tisch bekommen.
Gemeinsam für mehr Inklusion in den Schulen: Sonja Busch (l.) und ihr Mann Norbert Busch (4. v. r.) haben im Vorfeld des Vortrags von Bildungsexperte Wilfried W. Steinert viele Unterstützer an einen Tisch bekommen.
Foto: Michael May/IKZ

Iserlohn.  „Nur durch die Initiative von Eltern kommt Bewegung in die Schullandschaft“, da ist sich Bernd Kochanek ganz sicher. Und die jüngste Entwicklung in Iserlohn scheint dem Vorsitzenden der Landesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen“ recht zu geben. Denn auch in Iserlohn gibt es seitens der Stadt, des Beirates für Menschen mit Behinderung und anderen Institutionen viele Bemühungen, das Thema Inklusion voranzutreiben – nicht zuletzt, weil der Stadtrat beschlossen hat, einen Inklusionsplan zur Durchsetzung des Abkommens der Vereinten Nationen zu den Rechten von Menschen mit Behinderung auch auf lokaler Ebene durchzusetzen. Doch erst durch die Initiative eines Iserlohner Elternpaares scheint das Ringen um eine inklusive Schullandschaft in Iserlohn eine ganz neue Dynamik zu bekommen.

Sonja und Norbert Busch hatten nach längerem Kampf durchgesetzt, dass ihr Sohn Julius, der an Autismus leidet, die Regelgrundschule in ihrem Wohnort Sümmern besuchen darf. Das hat sie für viele andere betroffene Eltern, die weniger Erfolg hatten oder um Rat suchen, zu einem Vorbild gemacht – nicht zuletzt auch durch die Berichterstattung über Julius in dieser Zeitung. Doch das ist nicht der alleinige Grund für ihr jetziges Engagement. „Wir wollen etwas zurückgeben, von der enormen Unterstützung, die wir erfahren haben“, sagt Norbert Busch.

Vor allem fühlen sie sich durch die Entwicklung ihres Sohnes aber bestärkt und angespornt, das Thema Inklusion über das persönliche Interesse hinaus voranzutreiben. „Es ist toll, wie Julius sich in der Regelschule entwickelt hat“, sagt Sonja Busch und lässt keinen Zweifel daran, dass diese Entwicklung auch und vor allem mit dem Umgang mit gesunden Kindern in der Regelschule zusammenhängt, was auch von den Therapeuten von Julius bestätigt wird. „Es ist es wert, alle Kinder zu inkludieren“, so das Fazit aus ihren persönlichen Erfahrungen.

Daher hat sich Ehepaar Busch entschieden, in einem ersten Schritt den Bildungs- und Inklusionsexperten Wilfried W. Steinert für einen öffentlichen Vortrag am kommenden Donnerstag und eine schulinterne Fortbildung am Freitag nach Iserlohn zu holen. Damit haben sie offenbar erneut eine echte Welle der Unterstützung losgetreten, dieses Mal auf lokaler Ebene. Für ihre Vortragsveranstaltung sowie die begleitende Lehrerfortbildung haben Sonja und Norbert Busch eine ganze Reihe von Mitveranstaltern und Unterstützern um sich geschart. Neben dem städtischen Beirat für Menschen mit Behinderung, der Landesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen“ und der „Ambulanten Behindertenhilfe WHW“ sind auch die Stadtschulpflegschaft und das Iserlohner Bildungsforum mit im Boot. Dazu unterstützen auch Privatleute wie Christine Überacker und Sabine Oligmüller das Projekt.

Dass eine solche Bewegung dringend erforderlich ist, um Inklusion zu fördern, wurde am Freitag bei der Vorstellung der Aktion in den Räumen der Netzwerk-Diakonie an der Bodelschwinghstraße deutlich. Nach dem Übereinkommen der Vereinten Nationen, so Bernd Kochanek, müsse auch das Land NRW alle Gesetze im Sinne der Inklusion anpassen. Und in diesem Zusammenhang sei der Schulbereich am weitesten von den Ideen der Inklusion entfernt. Der internationale Vergleich, so Stefan Haacke, Geschäftsführer der Netzwerk-Diakonie, zeige ebenfalls ein negatives Bild. Lediglich 20 Prozent der Kinder mit Behinderung seien in Regelschulen untergebracht, womit Deutschland Schlusslicht in Europa sei. „Eigentlich müsste dieses Verhältnis von 20 zu 80 umgedreht werden“, so Haacke.

Die Barrieren in den Köpfen abzubauen, sei also dringend nötig, sagt Norbert Busch und freut sich über die große Unterstützung, die sein Vorstoß zu einer Iserlohner Bewegung macht. Um diese Bewegung auf tragfähige Füße zu stellen, sind Sonja und Norbert Busch aber vor allem auch daran interessiert, Vertreter der Schulen und der Schulverwaltungsstellen der Kommunen, der Kreise und der Bezirksregierung anzusprechen. Bisher habe es erst von der Bezirksregierung eine Zusage gegeben, was enttäuschend sei. Dafür freue man sich über die Zusage von Bürgermeister Dr. Peter Paul Ahrens, der die Veranstaltungen eröffnen wird.

„Wir wollen darüber hinaus die Diskussion fördern“, erklärt Norbert Busch, dass am Donnerstag der Vortrag mit Wilfried W. Steinert zwar im Mittelpunkt steht, der Abend aber auch eine Kommunikationsplattform zum Austausch rund um das Thema Inklusion sein soll. Dazu stehen die Räume der SASE bereits ab 19 Uhr mit einem Büchertisch offen. Auch Wilfried W. Steinert steht dann schon für Gespräche bereit, ebenso wie bei der Diskussion nach seinem Vortrag.

 
 

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