„Er drohte, mir das Ohr abzuschneiden“

Groß ist das Medieninteresse an dem  Prozess unter anderem gegen die 90-jährige Iserlohnerin, die von Christian Spengler aus Herne (re.) und von Dominik Petereit aus Lüdenscheid (nicht im Bild) verteidigt wird.
Groß ist das Medieninteresse an dem Prozess unter anderem gegen die 90-jährige Iserlohnerin, die von Christian Spengler aus Herne (re.) und von Dominik Petereit aus Lüdenscheid (nicht im Bild) verteidigt wird.
Foto: IKZ
Vor dem Landgericht Aurich erzählte das Entführungsopfer am vierten Verhandlungstag von den schlimmsten Stunden seines Lebens. Die 90-jährige Mit-Angeklagte aus Iserlohn will von der Entführung erst durch den Haftbefehl erfahren haben.

Aurich/Iserlohn..  Zwei weitere Angeklagte, darunter die 90-jährige Iserlohnerin, haben am vierten Prozesstag im Entführungsfall des Reeders aus Leer eine Einlassung abgegeben. Beeindruckend war aber vor allem die Zeugenaussage des Entführungsopfers, das an diesem Verhandlungstag vor dem Landgericht Aurich zu Wort kam.

Die betagte Iserlohnerin, die der Beihilfe zum erpresserischen Menschenraub angeklagt ist, ließ einen ihrer beiden Verteidiger eine Erklärung verlesen. Laut der Einlassung will die Seniorin erst durch den Haftbefehl von der Entführung erfahren haben. Das Konto, auf das das Lösegeld von einer Million Euro eingezahlt werden sollte, sei von ihr zu einem ganz anderen Zweck eingerichtet worden: Auf dieses Konto sollten Anteile einer Erbschaft von ihrem zweiten Sohn, der in Portugal Suizid begangen habe, eingezahlt werden.

Einrichten des Kontos hatte nichts mit Entführung zu tun

Der andere Sohn, der laut Anklage als Initiator der Entführung des Geschäftsmannes aus Leer gilt, dessen Verfahren aber wegen derzeitiger Verhandlungsunfähigkeit abgetrennt wurde, habe ihr außerdem gesagt, dass er die Schulden, die der Leeraner angeblich bei ihm haben soll, durch ein Inkasso-Unternehmen eintreiben lasse. Die Angeklagte sei von ihrem Sohn gebeten worden, das Geld nach dem Eintreffen auf dem Konto schnell abzuheben, damit der Leeraner es nicht zurückbuchen könne. Ihr Sohn sei schwer krank. Sie habe das Konto für ihn eingerichtet, damit er davon leben könne. Der Sohn selbst habe wegen eines Schufa-Eintrags kein Konto eröffnen können, trug der Verteidiger vor. „Das alles hatte nichts mit der Entführung zu tun“, so sein abschließendes Fazit.

Bereits drei Mal, so berichtete das Entführungsopfer, das erstmals auf dem Zeugenstuhl saß, hatte der Sohn der 90-Jährigen versucht, Geld von ihm einzutreiben. Die Summe erhöhte sich mit jedem Mal. Dabei gäbe es für die Forderungen keinerlei Grundlage, führte der 69-jährige Reeder, der früher mit dem Iserlohner in Geschäftsbeziehung stand, an. Der Iserlohner selbst sei es gewesen, der beim Verkauf einer Firma ein schlechtes Händchen bewiesen und noch schlechtere Verträge abgeschlossen habe. Auch die Steuerfahndung sei deswegen hinter dem Iserlohner her gewesen.

Diese Vorgeschichte ist noch nicht abschließend aufgeklärt. Aber sie gipfelte in der Entführung des Geschäftsmannes aus Leer am 19. April. „Es ist nicht ganz einfach heute. Es ist ein Wechselbad der Gefühle“, stellte der 69-Jährige aus Leer seiner Aussage voran. Die Zeit der Entführung sei so ziemlich das Schlimmste gewesen, was ihm in seinem bisherigen Leben passiert sei. Schlimmer als ein Beinahe-Absturz mit einem Flugzeug oder eine Situation in Seenot.

Als Polizisten getarnt fingen die Entführer den Reeder bei einer vermeintlichen Verkehrskontrolle ab, fesselten ihn und verbanden ihm die Augen. Dann brachten sie ihn in das Ferienhaus, wo sie ihn 36 Stunden gefangen hielten.

Nackt ausgezogen und an Bettpfosten gefesselt

„Dort musste ich mich nackt ausziehen. Man hat mich auf Peil­sender untersucht“, berichtete der Reeder. Dann wurde er an einen Bettpfosten gekettet. Man verließ mit ihm nur das Haus, um die Telefonate mit den Lösegeldforderungen zu führen. Seine Bewacher waren mit Sturmhauben maskiert. „Man hat mir einen Schuldschein vorgelegt, den ich unterschreiben sollte“, erzählte der 69-Jährige. Der Leeraner weigerte sich. Er wurde mit Faustschlägen traktiert. Einer der Bewacher ging in die Küche und kam mit einem Fleischermesser zurück. „Er hielt mein Ohr fest, das Messer daran und drohte, es abzuschneiden. Der andere schlug ihm das Messer aus der Hand“, erinnerte sich der Reeder. Dieser Mann sei „der Beschwichtigende“ gewesen. Ob es einem per SMS übersandten Beweis für die Überweisung des Lösegeldes oder dem erhöhten Fahndungsdruck zu verdanken war, dass er schließlich freigelassen wurde, konnte der Reeder nicht sagen. „Ich habe auf jeden Fall Hubschrauber gehört.“ Man setzte den 69-Jährigen, der in der Gefangenschaft nach eigenen Angaben sechs Kilo Gewicht verlor, auf einer Wiese aus. Das Entführungsopfer lief bis zur Autobahn, wo es von der Bundespolizei entdeckt wurde. Die Entführer, die sein Lebensumfeld zuvor ausspioniert hatten, hielten den Reeder offenbar für einen mehr als wohlhabenden Mann. „Sie behaupteten irrtümlicherweise, ich hätte eine Bank in Monte Carlo und sei ein guter Freund von Udo Lindenberg, mit dem ich immer im Atlantic-Hotel in Hamburg sitzen und meine Zigarren mit 500-Euro-Scheinen anzünden würde.“

Der Prozess wird am 6. Dezember fortgesetzt.

 
 

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