Eine umfangreiche Agenda zur Förderung des Bus- und Radverkehrs

Thomas Pütter
Der Mendener Ausschussvorsitzender Wolfgang Exler (4.v.li.) begrüßte die Vertreter der Verwaltungen sowie die Fachausschüsseder drei Nordkreisstädte.
Der Mendener Ausschussvorsitzender Wolfgang Exler (4.v.li.) begrüßte die Vertreter der Verwaltungen sowie die Fachausschüsseder drei Nordkreisstädte.
Foto: IKZ
Erstmalig ist am Donnerstag in Menden die Neuauflage des Verkehrsentwicklungsplans für Iserlohn, Hemer und Menden vorgestellt worden. Der Schwerpunkt liegt auf der Förderung des Bus- und Radverkehrs.

Iserlohn.  Vor den Verantwortlichen in Iserlohn, Hemer und Menden liegt ein gutes Stück Arbeit, wenn sie die Zielvorgaben erfüllen wollen, die in der Neuauflage des Verkehrsentwicklungsplans für die drei Nordkreisstädte formuliert sind. Bis zum Jahr 2030 soll der Anteil des Radverkehrs an allen Wegen auf bis zu neun Prozent ansteigen und damit etwa verdoppelt und auf den deutschen Durchschnitt gebracht werden. Die Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs soll binnen der nächsten 15 Jahre trotz der demografischen Entwicklung, durch die ein deutlicher Rückgang bei der Schülerbeförderung zu erwarten ist, leicht zunehmen von acht auf zehn Prozent.

Schon auf der Kurzstrecke dominiert das Auto

Dass das Potenzial in den drei Städten vorhanden ist, die Vision zur Realität werden zu lassen und durch verbesserte Rahmenbedingungen mehr Menschen zur Nutzung von Rad und Bus zu bewegen, unterstrich Gutachter Dr. Michael Frehn von der Planersocietät Dortmund am Donnerstag bei der erstmaligen Präsentation des aktualisierten Verkehrsentwicklungsplans im Mendener Rathaus. Frehns Zuversicht begründet sich aus den Ergebnissen einer Analyse des heutigen Mobilitätsverhaltens der Einwohner in den drei Kommunen. „Die allermeisten der etwa 616 000 Wege, die heute täglich im Städtenetz zurückgelegt werden, sind sehr kurz“, berichtete Frehn vor den Mitgliedern der zuständigen Fachausschüsse der drei Städte. Durchschnittlich 70 Prozent aller Wege werden demnach innerhalb der Kommunen selbst überwunden, wobei der stadtinterne Iserlohner Anteil mit 73 Prozent höher liegt (Hemer 58 Prozent, Menden 72 Prozent). Bezogen auf alle Distanzen, die per Rad, Bus, Auto oder zu Fuß von allen Verkehrsteilnehmern überbrückt werden, liegt der Binnenanteil im Städtenetz sogar bei 82 Prozent. Auf der anderen Seite jedoch spiegelten sich die kurzen Wege nicht im Mobilitätsverhalten wieder, hob der Gutachter hervor. Denn schon Distanzen von ein bis zu zwei Kilometern würden zu 45 Prozent mit dem Auto zurückgelegt, Entfernungen bis zu fünf Kilometern schon zu 63 Prozent. Insgesamt liegt der Anteil des motorisierten Individualverkehrs in Iserlohn bei 70, in Menden bei 71 und in Hemer sogar bei 75 Prozent.

Um mehr Menschen und insbesondere auch jüngere Leute zur Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs zu mobilisieren, regte der Dortmunder Verkehrsplaner unter anderem eine Weiterentwicklung des Angebots in den Abend- und Nachtstunden an. Das Iserlohner Modell des Anruf-Sammeltaxis sei hierfür ein geeignetes Instrument. Zur Verbesserung des Nahverkehrsangebots auf dem ausgedünnten Streckennetz der Märkischen Verkehrsgesellschaft abseits der Hauptverkehrsstrecken könnten Frehns Worten zu Folge Anruf-Linienfahrten ein geeignetes Mittel sein. Insgesamt empfahl der Diplom-Ingenieur eine Busbeschleunigung unter anderem durch Vorrangschaltungen an Ampeln, um die Konkurrenzfähigkeit zum Auto zu verbessern und zudem die Fahrplan-Zuverlässigkeit zu erhöhen. Besonderer Bedarf für solche Maßnahmen besteht nach Frehns Einschätzungen bei den Linien 1 (Hohenlimburg-Letmathe-Iserlohn-Hemer-Menden), 13 (Gerlingsen-Stadtbahnhof-Hemer-ZOB-Sundwig) und 23 (Menden-Fröndenberg). Von Bedeutung sei auch die künftige Anbindung des Bahnhofs Letmathe an den Fernverkehr, die konsequenterweise eine bessere Busanbindung erfordere. Deutlich verkürzt werden könne zudem schon allein durch die Reduzierung von Standzeiten die Fahrzeit auf der Bahnstrecke nach Dortmund.

Doch nicht nur die Optimierung der Verbindungen von Bus und Bahn sei angezeigt, auch eine Überarbeitung des Tarifsystems sei erforderlich, betonte Dr. Frehn, zumal das Angebot der MVG heute als sehr teuer eingeschätzt werde. Der Gutachter regte dabei unter anderem eine Abrechnung nach der per Luftlinie zurückgelegten Strecke vor. „Den Nutzer interessiert es nicht, wenn der Bus einen Umweg fährt. Er will für die Strecke bezahlen, die er zurücklegen muss.“ Zudem empfahl der Verkehrsplaner eine Zusammenfassung von Schülerfahrkarten mit anderen Angeboten für Jugendliche zu einem attraktiven und auch außerhalb der Schulzeiten nutzbaren Angebot, sowie die Einführung eines „Mobilitätspasses“, der innerhalb des Städtedreiecks Geltung besitzt.

Fahrrad ist auf kurzen Wegen schon konkurrenzfähig

Allgemein konkurrenzfähig – zumindest hinsichtlich der Fahrzeit – ist bereits heute das Fahrrad im Vergleich zum Auto auf Strecken bis zu fünf Kilometern. Um die Zahl der Alltags-Radfahrer in einem topographisch anspruchsvollen Gebiet wie dem Nordkreis deutlich zu erhöhen, seien aber dennoch erhebliche Investitionen in die Infrastruktur erforderlich. Frehn nannte die Empfehlung aus dem „Nationalen Radverkehrsplan“, laut dem pro Einwohner zwischen acht und 18 Euro jährlich für den Ausbau zur Verfügung gestellt werden sollten. Für Iserlohn würde dies einen Betrag zwischen 750 000 Euro und 1,7 Millionen Euro ausmachen, der in den Haushalt eingestellt werden müsste. Geld, das für den Ausbau von Rad-Schnellwegen ebenso eingesetzt werden könnte wie für die Umgestaltung von Hauptverkehrsstraßen zu Gunsten der Radfahrer, die Öffnung von Einbahnstraßen und die Einrichtung von zusätzlichen Abstellanlagen. Öffentliche Fahrradboxen sollten dabei laut Frehn nicht nur in zentraler Lage installiert werden, sondern auch auf öffentlichen Flächen in anderen dicht besiedelten Wohngebieten.

Fußgängern mehr Raum zur Verfügung stellen

17 Prozent aller Wege der Bevölkerung im Städtenetz werden derweil zu Fuß zurückgelegt. Während jedoch die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, täglich sieben Kilometer per pedes zu machen, kommen die Iserlohner, Hemeraner und Mendener pro Kopf gerade einmal auf durchschnittlich 700 Meter. Für die Stadt- und Verkehrsplanung stellt sich daher nach Einschätzung von Dr. Frehn die Frage, wie der öffentliche Straßenraum fußgängerfreundlicher gestaltet werden kann. Der Gutachter regte an, neben dem übergeordneten Ziel der Barrierefreiheit auch die Zahl der Querungshilfen deutlich zu erhöhen und die Wartezeiten an Fußgängerampeln zu reduzieren sowie Tempo 30 abschnittsweise auch auf Hauptverkehrsstraßen einzuführen. Ganz grundsätzlich müsse dem Fußgänger zudem mehr Raum verschafft werden durch eine Fahrflächenreduzierung, lautete eine weitere These des Gutachters, der hierfür in Iserlohn im innerstädtischen Bereich insbesondere den Kurt-Schumacher-Ring und den Konrad-Adenauer-Ring als geeignet ansieht. Wünschenswert seien zudem Verweil- und Sitzmöglichkeiten an Wegen. und Plätzen

Der Verkehrsentwicklungsplan wird nun nach seiner „ersten Lesung“ in den Fachgremien der drei Kommunen beraten. „Sie sind auf dem richtigen Weg“, gab Gutachter Frehn den Politikern mit auf den Heimweg. Der Ansatz, Verkehrsentwicklung interkommunal zu betreiben, sei beispielhaft und noch nicht weit verbreitet, für den Nordkreis aufgrund der engen Verflechtungen letztlich aber auch ohne Alternative: „Sie sind voneinander abhängig.“