Ein Mann mit einer schwierigen Mission

Zeit bis zu den Sommerferien: Dr. Ernst Rösner.
Zeit bis zu den Sommerferien: Dr. Ernst Rösner.
Foto: Michael May/IKZ
„Ich bin wissenschaftlichen Standards verpflichtet, politische Präferenzen interessieren mich nicht“, sagt der Mann, der als Erfinder der Gemeinschaftsschule gilt.

Iserlohn.  „Wenn ich mit meiner Arbeit einen Beitrag zum Schulfrieden in Iserlohn leisten könnte, dann wäre ich glücklich“, sagt Dr. Ernst Rösner. Jener Ernst Rösner, der vom Schulausschuss mit einem ebenso sensiblen wie brisanten Auftrag ausgestattet wurde. Der beim Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung beschäftigte Experte soll bis zu den Sommerferien ein Gutachten erstellen, in dessen Mittelpunkt ein zukunftsfähiges Modell der Landschaft der weiterführenden Schulen Iserlohns stehen soll. Knifflig, selbst für eine Koryphäe wie Rösner, der in Fachkreisen als „Papst der Schulentwicklungsplanung“ gilt, zumal der Rat der Stadt dem Gutachter Auflagen zu seinem Arbeitsauftrag gemacht hat.

Beim Gespräch im Wichelhovenhaus zeigt sich Rösner respektvoll gegenüber der Aufgabe und dem Auftraggeber, macht aber deutlich, dass er nicht dazu bereit sein wird, unangenehme Wahrheiten zu verschweigen oder „Zahlen zu verbiegen“. „Ich bin wissenschaftlichen Standards verpflichtet, politische Präferenzen interessieren mich nicht“, sagt der Mann, der als Erfinder der Gemeinschaftsschule gilt, „darauf hat sich Iserlohn eingelassen. Ich will nicht missionieren, sondern eine pragmatische, bedarfsgerechte und ökonomisch vertretbare Lösung finden, die wenigstens für zehn Jahre Stabilität in das System bringt. Dazu werde ich Varianten mit ihren Vor- und Nachteilen präsentieren. Die Entscheidungen aber liegen in der Zuständigkeit des Rates, da darf man die Politik nicht aus der Verantwortung entlassen.“

Mann des Klartextes

Klartext ist also zu erwarten, wenn Rösner ans Werk geht. Die von ihm favorisierte Strategie der Offenheit und Direktheit, davon ist der 64-Jährige überzeugt, führt letztlich zu bestmöglichen Prozessergebnissen. „Ich hatte den Auftrag, für zehn Städte im Kreis Höxter einen Schulentwicklungsplan aufzustellen.“ Als Ergebnis stehe unter dem Strich, dass es in dieser CDU-Hochburg ab dem kommenden Schuljahr keine Hauptschule mehr geben wird, Sekundarschulen und Gesamtschulen gegründet werden. In der Stadt Brakel liegen nach Worten Rösners für eine neue Gesamtschule 190 Anmeldungen vor - „gigantisch, wenn man bedenkt, dass noch nie ein Kind aus Brakel bis dahin eine Gesamtschule besucht hat.“ Möglich sei eine derart tiefgehende Umstrukturierung allerdings nur im politischen Konsens, zumal einige der Veränderungen auf erbitterten Widerstand der Schulen trafen. Beispiele dieser Art kann Rösner reichlich nennen. Insbesondere in ländlichen Regionen, wo der demografisch bedingte Schülerrückgang besonders deutlich zu spüren ist, mache die Not nicht nur erfinderisch, sondern auch beweglich.

Enorm viel konnte Rösner daher auch in Schleswig-Holstein in Bewegung setzen, dem Bundesland, für das er 2004 das Modell der in NRW heute als Sekundarschule bekannten Gemeinschaftsschule entwickelte. 140 Gemeinschaftsschulen gibt es dort mittlerweile, die Gemeinschaftsschule ist die am häufigsten vertretene weiterführende Schule. „Übrigens nicht zu Lasten der Gymnasien, wie befürchtet worden war. Vor der Gemeinschaftsschule gab es 100 Gymnasien in Schleswig-Holstein, heute sind es 99“, betont Ernst Rösner.

Determinante Elternwahl

Die Debatte über die demografische Entwicklung nimmt in der Öffentlichkeit einen immer breiteren Raum ein. Bei der Schulentwicklung aber gibt es eben für den Gutachter eine zweite entscheidende Determinante: Das Wahlverhalten der Eltern. „Es ist hochgradig rational und nachvollziehbar, dass Eltern für ihre Kinder einen höheren Schulabschluss als ihren eigenen anstreben“, so Rösner mit Blick auf die Veränderungen am Arbeitsmarkt, der nach immer qualifizierteren Kräften ruft, „schon der Statuserhalt in der Generationenfolge setzt heute einen besseren Schulabschluss voraus.“ Landauf, landab hätten Eltern dies bewusst oder unbewusst verinnerlicht, der Trend zum bestmöglichen Abschluss sei „unaufhaltsam“ und durch politische Einflussnahme nicht zu verändern. „Die Hauptschuloffensive des Landes NRW hat 2007 etwa 100 Millionen Euro gekostet und ist komplett gescheitert“, untermauert der Wissenschaftler seine These. Stichwort Hauptschule: Bereits 1989 veröffentlichte Ernst Rösner das Buch „Abschied von der Hauptschule“, in dem er den Niedergang der Schulform voraussagte. „Maximal zehn Jahre“, so seine heutige Prognose, werden noch ins Land gehen, bis die letzte Hauptschule in NRW schließt. „Und spätestens dann stellt sich die Frage nach der Zukunft der Realschule, die dann nur noch den Basisbildungsgang anbietet. Wie reagieren die Eltern hierauf? Solche Fragen muss man stellen und sich die Konsequenzen in aller Härte vor Augen führen.“

Abseits hiervon identifiziert der „Freund des längeren gemeinsamen Lernens“ das zweigliedrige Schulsystem mit den Gymnasien einerseits und den Sekundar- und Gesamtschulen andererseits als „Megatrend“. Begünstigend für die Gesamtschulen sei dabei die Einführung des Abiturs nach acht Jahren an den Gymnasien. Rösner: „Es hat noch nie so viele Anmeldungen an Gesamtschulen mit gymnasialer Empfehlung gegeben wie nach der Einführung von G8.“

Die intensive Auseinandersetzung mit der Iserlohner Thematik beginnt für Dr. Rösner in zwei Wochen zu dem Zeitpunkt, an dem ihm von der Verwaltung die aktuellen Anmeldezahlen für die weiterführenden Schulen übergeben werden. „Ich werde dann die Ausgangssituation beschreiben und die Entwicklung, die zur heutigen Situation geführt hat.“ Anhand des ihm zur Verfügung stehenden Zahlenmaterials wird der Gutachter anschließend Prognosen für jeden Bildungsgang entwickeln. Bei aller Neutralität jedoch geht Rösner schon jetzt davon aus, dass auch in Iserlohn die Hauptschule ein Auslaufmodell sein dürfte, „je eher sich alle Beteiligten damit anfreunden, desto besser“.

Die Tüftelarbeit

Für sehr wahrscheinlich hält er es auch, dass die unter dem Landesschnitt liegende Übergangsquote zum Gymnasium ansteigen wird und auch die Gesamtschule künftig noch mehr Zuspruch finden wird. „Wenn die Zahlen aufbereitet sind, beginnt die eigentliche Tüftelarbeit“, weiß Rösner, zumal ihm der Schulausschuss unter anderem mit auf den Weg gegeben hat, mehr Gesamtschulplätze zu schaffen, auf bestehende Gebäude zurückzugreifen und ein weiterführendes Schulangebot in Hennen zu erhalten. Die Quadratur des Kreises? „Nein, ich habe schon die ein oder andere Idee“, verrät Ernst Rösner, ohne ins Detail gehen zu wollen. Lösungen vom schulpolitischen Wunschbaum zu pflücken, sei aber nicht sein Ansatz. „Mir ist ein Kompromiss lieber als kommunaler Schulkrieg. Eine zweite Gesamtschule würde ich etwa nur dann befürworten, wenn es tatsächlich langfristig möglich wäre, vier Züge an beiden Standorten bilden zu können. Die reine Vermehrung von Gesamtschulen ist nicht die Patentlösung.“

Ausschließen will Rösner auch nicht, dass die in der Trendabfrage gefloppte Sekundarschule doch eine Alternative sein könnte. „Die seinerzeitige Ablehnung durch die Eltern dürfte maßgeblich auf fehlende Informationen zurückzuführen sein“, sagt Rösner und erinnert an Arnsberg, wo schon bald zwei Sekundarschulen ans Netz gehen werden, deren Errichtung noch vor einem Jahr mangels öffentlicher Aufklärungsarbeit an fehlenden Anmeldungen scheiterten.

 
 

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