Ein belebendes, kein bremsendes Element

Sprachförderung in bunter Runde: Christine Meyer bringt den Kindern, die frisch und ohne Deutschkenntnisse aus unterschiedlichen Ländern nach Iserlohn gekommen sind, die neue Sprache auf ganz praktische Weise näher.
Sprachförderung in bunter Runde: Christine Meyer bringt den Kindern, die frisch und ohne Deutschkenntnisse aus unterschiedlichen Ländern nach Iserlohn gekommen sind, die neue Sprache auf ganz praktische Weise näher.
Foto: Ralf Tiemann
Wie an der Südschule Flüchtlinge integriert werden – zum Netz gehört jetzt auch das Integrations-Zentrum

Iserlohn.. 41 Seiteneinsteiger ohne Deutschkenntnisse gibt es derzeit an der Südschule. 41 Kinder verteilt auf zehn Klassen, denn an den Iserlohner Grundschulen werden – anders als an den weiterführenden Schulen – keine eigenen Seiteneinsteigerklassen gebildet, in denen die Kinder an den Regelunterricht herangeführt werden. In den Grundschulen werden sie ganz ohne Deutschkenntnisse, oft sogar ohne Schulerfahrung ins kalte Wasser geworfen. An der Südschule rund vier Kinder pro Klasse – das klingt für Außenstehende zunächst einmal nach einer nicht unerheblichen Belastung.

Flüchtlinge „Das ist es aber nicht“, sagt Uli Römer, Leiter der Südschule. Die Kinder seien ein großer Gewinn – jedes einzelne. „Es ist der Querschnitt der Gesellschaft, der hier ankommt“, sagt Römer. Nicht nur Flüchtlinge aus den derzeitigen Krisengebieten. Auch Familien aus Italien, die nach Iserlohn gekommen sind, Ärzte aus Ägypten, die hier bessere Karrierechancen sehen, oder Menschen, die aus unterschiedlichsten, oft ganz persönlichen Gründen ihre Heimat in Russland oder dem ehemaligen Jugoslawien verlassen haben, um in Iserlohn einen neuen Start zu wagen schicken ihre Kinder zur Südschule. Natürlich auch sehr viele syrischen Familien, deren Kinder Schreckliches gesehen und erlebt haben, oft mit Traumata beladen den weiten Weg über die Balkan-Route in Sicherheit gefunden haben und nun der Stadt Iserlohn als festen Wohnsitz für ihr Asylverfahren zugewiesen wurden.

Fachkräfte für die Entwicklung der Seiteneinstiger-Kinder

Die Klientel der sogenannten Seiteneinsteiger ist bunt – genauso bunt wie die Kinder, die in der südlichen Innenstadt aufgewachsen sind, und die den neuen Kindern mit einem Höchstmaß an Offenheit begegnen. Allein diese Erfahrungen seien ein Gewinn, auch ein Gewinn für die deutschen Kinder. „Und ein Störfaktor, ein bremsendes Element im Unterricht sind diese Kinder schon einmal gar nicht“, stellt Uli Römer klar. Problematisch könne es wohl werden, wenn man die Klassenlehrerin damit alleine ließe. In der Südschule übernehmen aber Förderkräfte die Entwicklung der Seiteneinsteiger-Kinder. Für jedes Kind wird ein genauer Plan erstellt, welche Hilfe es benötigt, und dann wird es bis zu fünf mal wöchentlich aus dem Unterricht herausgenommen, um in Kleingruppen gezielt gefördert zu werden.

„Netzwerk Startklar“ fürdie individuelle Förderung

Uli Römer profitiert dabei von dem „Netzwerk Startklar“, das er und sein Team schon vor Jahren an der Südschule eingeführt und etabliert haben, um Kinder mit Förderbedarf gezielt fördern zu können. Ein selbst entwickeltes Konzept, von dem alle Kinder mit einem Förderbedarf, sei es motorischer oder heilpädagogischer, sei es sprachlicher Natur, profitiert. Auch heute ist es nicht allein für Flüchtlingskinder, sondern für alle förderbedürftigen Kinder da. Schule ist hier schon früh sehr viel mehr geworden als reine Stoffvermittlung im Unterricht. Ein morgendlicher Gang durch das Schulgebäude veranschaulicht sehr deutlich die Ausmaße, die die Förderung außerhalb des Unterrichts an der Waisenhausstraße inzwischen angenommen hat. Kein Raum bleibt da ungenutzt. Überall von der Bücherei im Erdgeschoss bis zum Kunstraum unterm Dach sind Lernwerkstätten bei der Arbeit, um vor allem die Kinder mit Sprachproblemen möglichst schnell fit zu machen. Auch um Kindern aus fremden Kulturen die Anpassung zu erleichtern, und um zunächst einmal zu erfahren, wie sie ticken und was sie brauchen. Die Schule hat dazu sogar mit der Hündin Lea den tiergestützten Unterricht eingeführt, um Kinder mit größeren Problemen zu öffnen und einen ganz anderen Zugang zu ihnen zu finden.

Um all das bieten zu können, schöpft die Südschule die unterschiedlichsten Fördermöglichkeiten aus und hat vor Ort mit der Kinderlobby und anderen Akteuren ein dichtes lokales Netzwerk geknüpft, um dem ohnehin steigenden Anteil der Kinder mit Förderbedarf, gegenwärtig aber vor allem auch dem Flüchtlingszustrom Herr zu werden. Uli Römer lobt ausdrücklich die Hilfsbereitschaft von Land und Kommune, die stark bemüht seien, seine Schule bei den integrativen Aufgaben zu unterstützen. Im Gespräch wird aber dennoch schnell deutlich, dass allein die personelle Ausstattung des Landes kaum ausreichen würde. Je nach Sozialindex kann eine Schule einen bestimmten Stellenanteil für die Integration abrufen. Und zur Bewältigung des Flüchtlingszustroms kommt für neun Stunden eine Kollegin für koordinierende Aufgaben in die Schule. Der Einsatz einer eigenen Motopädin, Heilpädagogin und Sozialpädagogin sowie weiterer Kräfte für die Sprachförderung geht aber auf das selbst konzipierte „Netzwerk Startklar“ zurück.

Neue Hilfe kommt nun vom kommunalen Integrations-Zentrum (KIZ) in Lüdenscheid, das einmal in der Woche einen Mitarbeiter für die zentrale Schüleraufnahme ins Iserlohner Kreishaus schickt. Bisher, so Uli Römer, seien die Familien zum Teil mit mehreren Kindern einfach bei ihm aufgelaufen, und er habe in langwieriger Kleinarbeit auseinander legen müssen, welches Kind, welche Vorbildung hat, welche Papiere es gibt, und wie die Kinder in seiner Schule einsortiert werden sollen. Das übernimmt nun das KIZ, während alle Iserlohner Grundschulen wöchentlich ihre vorhandenen Kapazitäten an die Landeseinrichtung übermitteln, damit die Kinder zukünftig auf alle Schulen gerecht verteilt werden können, nicht nur – wie bisher – auf die in den meisten Fällen nahe gelegenen Innenstadt-Grundschulen.

Neues Modell mit dem KIZist gerade erst angelaufen

Seit etwa zwei Wochen läuft dieses neue Modell, und man müsse sehen, so Römer, wie es sich einspielt. Die meisten Flüchtlingsfamilien wohnen nach wie vor in der Innenstadt und seien nun mal nicht sonderlich mobil. Ob man ihnen weite Schulwege in andere Stadtteil zumuten könne, sei fraglich. Überhaupt sei ein Blick in die Zukunft nicht leicht, da niemand wisse, wie sich die Flüchtlingszahlen entwickeln werden. Derzeit sieht Uli Römer aber keine übergroße Belastung, und wenn es eben möglich ist, möchte er auch auf reine Seiteneinsteigerklassen an Grundschulen verzichten. Die Kinder seien in der Regel offen, hoch motiviert und fassen im normalen Klassenverband mit den anderen Kindern schnell Vertrauen in die neue Umgebung.

 
 

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