E-Autos - Nur ein Konzept für Reiche mit grünem Gewissen?

Seit Ostern ist Dr. Henning Keil Eigentümer eines VW Passat GTE. Dem Tarifmodell der Stadtwerke Iserlohn kann der Zahnarzt allerdings nicht viel abgewinnen.
Seit Ostern ist Dr. Henning Keil Eigentümer eines VW Passat GTE. Dem Tarifmodell der Stadtwerke Iserlohn kann der Zahnarzt allerdings nicht viel abgewinnen.
Foto: IKZ
Seit Ostern ist Dr. Henning Keil Eigentümer eines VW Passat GTE. Doch mit jedem Tag, an dem er mit seinem Hybridfahrzeug unterwegs ist, wachsen bei Keil die Zweifel, dass das E-Mobilitätskonzept der Stadtwerke Stromautos tatsächlich den erhofften Durchbruch beschert.

Iserlohn.. Dr. Henning Keil ist bekennender Anhänger der Elektromobilität und seit Ostern selbst Eigentümer eines strombetriebenen Wagens. Seit er jedoch seinen VW Passat GTE besitzt, wachsen bei dem Zahnarzt täglich die Zweifel, dass das E-Mobilitätskonzept der Stadtwerke tatsächlich dazu geeignet ist, der Technologie auch in Iserlohn zum Durchbruch zu verhelfen.

„Zu dem Zeitpunkt, als ich den Wagen angeschafft habe, habe ich mir keine Gedanken gemacht über das Aufladen, weil ja mittlerweile zahlreiche Säulen im Stadtgebiet installiert sind“, erzählt Henning Keil. Intensiver beschäftigte er sich mit dem Thema erst, als das Hybrid-Fahrzeug vor seiner Haustür stand, ab Werk ausgeliefert mit einem eigenen Ladekabel, das zwar an der heimischen Steckdose angeschlossen werden kann, jedoch nicht kompatibel ist mit dem vom heimischen Versorgungsunternehmen unterstützten Ubitricity-System, dessen Herzstück ein „intelligentes“ Kabel mit eigenem Stromzähler ist.

100 Kilometer Fahrleistung kosten 17,54 Euro

Den Umstieg auf das Stadtwerke-Kabel hat Dr. Keil bis heute nicht vollzogen. „Es fängt schon damit an, dass ich mich per Vertrag für zwei Jahre an die Stadtwerke binden müsste, um Strom tanken zu können. Das wäre so, als würde ich mich verpflichten, Benzin nur bei Aral zu kaufen.“ Doch mehr noch als am Vertragswerk stört sich Dr. Keil an den systembedingten Kosten: „Ich müsste das Ubricity-Kabel entweder für 19,04 monatlich mieten oder es für 803 Euro kaufen. Der Kauf einer eigenen Ladesäule an meinem Haus würde 923 Euro kosten oder eine monatliche Miete von 13,09 Euro. Und dann kommt noch die Grundgebühr über 15,35 Euro hinzu. Unter dem Strich sind das 47,48 Euro, ohne das ich auch nur eine Kilowattstunde getankt hätte.“ Der Tarif „SauerlandStrom Mobil“, den die Stadtwerke anbieten, liegt derweil bei brutto 35 Cent pro Kilowattstunde und damit deutlich über dem Arbeitspreis für Haushaltsstrom. Keils Rechnung: „Für 100 Kilometer mit Elektroantrieb bezahle ich 17,54 Euro, wenn ich monatlich 500 Kilometer unterwegs bin. Fahre ich mehr, würde es zwar günstiger, aber auf Strom fahre ich aufgrund der begrenzten Reichweite eigentlich nur innerhalb der Stadt.“

Neben seiner persönlich wenig wirtschaftlichen Bilanz und der Iserlohner „Insellage“ durch das Ubricity-System erkennt Dr. Keil nach einigen Monaten noch weitere grundlegende Schwierigkeiten, die den Umstieg auf ein Elektroauto erschweren. „Wenn man ein Einfamilienhaus hat, dann funktioniert das Stromtanken nur dann, wenn die Steckdose auch nah genug am Parkplatz ist, weil ein Verlängerungskabel aus Sicherheitsgründen nicht an das Ladekabel angeschlossen werden kann. Wie soll das in Mehrfamilienhäusern laufen?“ Um Elektromobilität tatsächlich der breiten Bevölkerung zur Verfügung zu stellen, sei daher zunächst einmal ein umfassender Ausbau der Ladeinfrastruktur erforderlich. Unter den aktuellen Bedingungen aber sei E-Mobilität nur empfehlenswert für Enthusiasten. „Ein Freund von mir“, so Henning Keil, „hat mir neulich gesagt, dass Elektromobilität etwas ist für gut situierte, ältere Herren mit einem grünen Gewissen.“

Das sieht Ulrike Badziura, die für die Stadt das Netzwerk e-Mobilität Iserlohn leitet, völlig anders. Und auch die Kritik an dem Ubitricity-System kann sie nicht teilen. „Intelligenten Systemen gehört die Zukunft“, betont Badziura. Bisher sei neben dem erhöhten Anschaffungspreis für ein Elektroauto insbesondere die als unsicher und kompliziert empfundene Abrechnung des Fahrstroms ein Hemmnis für potenzielle Käufer gewesen. „Dieses System aber bietet eine standortunabhängige Lösung an, da die Abrechnung nicht über die Säule, sondern das Kabel selbst funktioniert. Iserlohn ist damit eine der Speerspitzen bei intelligenten Abrechnungssystemen.“

Bundesweit gültiger Autostrom-Tarif

Die technologische Vorreiterstellung aber ändert nichts daran, dass der Iserlohner E-Automobilist, der einen Vertrag bei den Stadtwerken unterzeichnet hat, für seinen Fahrzeugstrom deutlich tiefer in die Tasche greifen muss als für seinen Hausstrom. Dass das Unternehmen die aufkommende Euphorie um die E-Mobilität zur Gewinnsteigerung nutzt, bestreitet Geschäftsführer Reiner Timmreck hingegen vehement. Der Autostromtarif sei für die Stadtwerke noch nicht kostendeckend, die Preispolitik orientiere sich am Marktpreisniveau anderer Anbieter. Begründet werden die höheren Kosten von Timmreck mit der bundesweiten Gültigkeit des Iserlohner Auto-Strom-Tarifs. Da die sogenannten Netzentgelte von Region zu Region unterschiedlich seien und die Abrechnung eines „mobilen Zählers“ über Netzgebietsgrenzen hinweg bisher im deutschen Energiemarkt nicht vorgesehen war, habe das Unternehmen in Abstimmung mit der Bundesnetzagentur ein für ganz Deutschland zugelassenes und „gemitteltes“ Netznutzungsentgelt kalkuliert. Aufgrund der niedrigen Netzentgelte bei den Stadtwerken Iserlohn sei es daher ganz natürlich, dass sich der Mobilstrom-Tarif oberhalb des lokalen Preises liege. „Wir sind davon überzeugt, dass wir mit dieser einfachen und nachvollziehbaren Art der Abrechnung langfristig richtig liegen und für unsere Kunden die Komplexität der sonst vielfältigen Abrechnungssysteme deutlich reduzieren und somit unseren Preis wert sind“, so Timmreck.

 
 

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