Die „Erlebniswelt Rechtsextremismus“

Frakturschrift und eindeutige Symbole wie auf diesem T-Shirt gehörten lange zum Erscheinungsbild der rechten Szene – mittlerweile wird die Szene aber immer moderner und passt sich den Jugendlichen an.
Frakturschrift und eindeutige Symbole wie auf diesem T-Shirt gehörten lange zum Erscheinungsbild der rechten Szene – mittlerweile wird die Szene aber immer moderner und passt sich den Jugendlichen an.
Foto: Michael May IKZ
Im Rahmen der Anne Frank-Ausstellung lieferten Thomas Pfeiffer, Mitarbeiter des Innenmisteriums, und ein gewisser Thorsten, der sieben Jahre lang in der rechten Szene aktiv war und vor 20 Jahren ausgestiegen ist, Einblicke in die Szene, die immer mehr Jugendliche faszinieren soll.

Iserlohn..  „Ich war ein Mobbing-Opfer, hatte wenig Freunde – dann traf ich sie und gehörte endlich irgendwo dazu.“ Ein Satz, bei dem man normalerweise deutliches Mitleid verspüren würde. Wenn man die Worte allerdings aus dem Mund eines Aussteigers der rechten Szene hört, den wir hier mal vorsichtshalber Thorsten nennen, dann ist es eher Empörung, die man verspürt. Ist die Masche der Nazis wirklich so einfach? Schwache Persönlichkeiten zu starken machen? Das Wir-Gefühl und Kameradschaft in den Vordergrund zu stellen und die politische Richtung langsam einzuflößen, bis sie zum Vollblut-Nazi werden? Anscheinend schon. Thorsten ist das beste Beispiel. Auch, wenn seine Geschichte schon mehr als 20 Jahre zurückliegt.

Bildsprache der Naziswird immer moderner

Die Geschichte wiederholt sich nämlich immer und immer wieder. Zumindest wenn man dem Experten Thomas Pfeiffer, der für das Innenministerium in Düsseldorf arbeitet und im Rahmen der Anne Frank-Ausstellung Iserlohner Pädagogen die „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ genauer vorstellte, Glauben schenken darf . Zwar habe die Szene in der äußeren Darstellung nichts mehr mit der damaligen zu tun, inhaltlich verfolge sie aber immer noch die gleichen Ziele, diese allerdings in einer anderen Verpackung. Moderner. Hipper. „Die Schüler verlieren den Distanzierungsreflex. Früher war klar, dass Aufschriften in Frakturschrift zu Nazis gehören. Heute haben wir jugendliche Symbolsprache, die näher an der Bravo als an der Hitlerjugend ist“, so Pfeiffer. Also so hip, dass Jugendliche zu Beginn gar nicht wissen, mit was für einer Gruppe sie sich gerade auseinandersetzen.

Thorsten wusste das damals. „Ich wusste was sie machen, aber ich war kein Nazi. Ich wollte nur dazugehören und es war einfach toll, von Älteren von der Schule abgeholt zu werden“, kommt der 42-Jährige fast ins Schwärmen wenn er über das gelebte Wir-Gefühl spricht. Aber es gab und gibt nichts zu schwärmen. Denn anstatt wie andere Kinder in seinem Alter zum Zelten zu fahren, lag Thorsten mit einem Maschinengewehr im Anschlag in einem Graben irgendwo in Belgien und ballerte mit den „Kameraden“ wild durch die Gegend. Mit zwölf Jahren!

Auch die anfängliche Distanz zum politischen Einfluss seiner „Freunde“ verlor er recht schnell. Sie nahmen ihn mit zu Konzerten und Festivals. Flößten ihm das rechte Gedankengut ein. Mit Erfolg. Die Zugehörigkeit zur Gruppe hatte gesiegt, nun war er ein Nazi. Ein Nazi, der beim Vorbeigehen an Ausländern die Luft anhielt, da die „minderwertigen Kreaturen stanken“. Er trug plötzlich Bomberjacke und Springerstiefel. Zündete im Bus Dreadlocks von farbigen Menschen an und war der festen Überzeugung, den Holocaust habe es nie gegeben. „Irgendwann habe ich den Wissenschaftlern der Szene geglaubt, dass der Holocaust nie geschehen ist.“ Die Gruppendynamik hatte ihn gefangen. Ein Ausweg war nicht in Sichtweite. Er wollte nicht wieder so ein Leben führen wie mit 12. Ein Leben als Loser, als Opfer.

Der Knast brachte Thorsten auf den richtigen Weg

Doch dann kam der Tag, der sein Leben trotz eines unentschuldbaren Fehlers wieder in die richtige Bahn lenken sollte. Thorsten überfiel einen Obdachlosen und setzte ihm Messerstiche zu. Der Mann verstarb. Thorsten wurde festgenommen. Inhaftiert. Abgekapselt vom „Nazi-Universum“. Und plötzlich machte es klick. „Im Unterbewusstsein habe ich immer gewusst, dass alles falsch ist. Aber erst dort habe ich es wirklich begriffen“, so Thorsten. So ist es nicht verwunderlich, dass auch nur zwei Dinge einen aus diesem Alptraum aufwecken können: „Der Knast oder eine Frau“: Bei ihm war es der Knast. Er hat es geschafft. Viele schaffen es nicht. Viele bleiben stecken in der Falle der Nazis, da der Ausstieg gefährlich ist. Auch Thorsten wurde zur menschlichen Zielscheibe. Er musste fliehen aus seinem Heimatdorf. Sie fanden ihn trotzdem, schossen auf den „Volksverräter“. Bis heute hält der psychische Druck der alten „Kameraden“ an.

Mittlerweile führt Thorsten ein komplett gegenteiliges Leben. Geordnet, strukturiert und ohne rechtes Gedankengut. Er klärt auf und macht sich stark für den Kampf gegen seine Vergangenheit, gegen den Rechtsextremismus. Auch eine Frau hat er an seiner Seite. Eine Frau, die Jüdin ist. Eine Frau, deren Familienangehörige im Holocaust ums Leben gekommen sind. Bei dem Holocaust, von dem Thorsten einst glaubte, dass es ihn nie gegeben hat.

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