Vom Heiligenhauser Dialekt bleibt die Aufnahme

Begriffe aus dem Handwerk wie der Schlodschmed prägend den Mundart.Wortschatz.Foto:Heinz-Werner Rieck / WAZ FotoPool
Begriffe aus dem Handwerk wie der Schlodschmed prägend den Mundart.Wortschatz.Foto:Heinz-Werner Rieck / WAZ FotoPool
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Die Bewohner des Rheinlands könnten die ersten sein, deren Mundart ausstirbt. Im größten Spracharchiv NRWs wird das Heljenser Platt aber überleben.

Heiligenhaus.. Das Heljenser Platt ist eine von 800 Mundarten, die in NRWs größtem Spracharchiv für die Ohren der Nachwelt verwahrt sind. Der Landesverband Rheinland (LVR) hat in den 1980er Jahren flächendeckend im Rheinland aufgenommen, was noch aufzunehmen war: „Im Bergischen Land sind die Dialekte am schnellsten und umfassendsten zurückgegangen“, erklärt LVR-Dialektforscher Peter Honnen. Mit jeder Mundart verliert eine Region ein Stück sprachliche Bodenhaftung – und ihrer Geschichte.

„Kokolores, Fisimatenten und das ganze Gedöns geht verloren“, sagt Honnen und legt allgemeinverständlich nach: „Es gibt Wörter, die kann man ins Hochdeutsche nicht übersetzen.“ Ist das Wetter uselig, beschleicht wohl jeden, der das Wort kennt, ein ungemütlich-kaltes Gefühl. Mit umständlichen Umschreibungen lassen sich solche Überbleibsel des Dialekts skizzieren, das Wort selbst aber verblasst. Damit geht auch Wissen um frühere Traditionen verloren, über die die Sprachforscher im Rahmen ihrer Aufnahmen stolperten. „Es ist ein Kulturverlust.“

Dabei ist die Anzahl der Worte, die es zu bewahren gibt, gar nicht so groß: „Der mundartliche Wortschatz ist deutlich kleiner“, sagt Honnen und erklärt: „Da kommt nur die kleine, örtliche Welt vor, die für die Menschen damals von Bedeutung war: also vornehmlich Landwirtschaft und Handwerk“. Abstrakte Worte wie Heimat oder Liebe finden sich nicht. Honnen: „Da sagt man nur: Ich hab Dich gern.“ Dialekte sind deutlich älter als die Hochsprache; sie lassen sich zurückverfolgen bis zur Zeit Karl des Großen im 9. Jahrhundert.

Mit jedem Dialekt stirbt also ein Stück mehr als 1000 Jahre alte Sprachgeschichte. Honnen sieht für die Dialekte wie das Heljenser Platt „keine große Zukunft mehr“: „Wenn es überhaupt noch Sprecher gibt, sind die über 65 Jahre alt.“ Fast keiner dieser Sprecher pflegt den Dialekt mit seinen Kindern oder Enkeln. Wo heute Bedauern über das Verstummen des heimatlichen Platts herrscht, hatten früher Bedenken gegenüber dem Nicht-Hochdeutschen das Sagen. Honnen erinnert sich an seine eigene Studienzeit: „Da hieß es noch, Mundart ist eine Bildungsbarriere.“ Dabei gilt: „Mundart kann nur überleben, wenn sie gesprochen wird.“ Honnen zieht ein düsteres Fazit für die Region um Heiligenhaus: „Wenn es so weitergeht, werden die Rheinländer fast die ersten sein, die man an der Sprache nicht mehr erkennen kann.“

 
 

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