Naturschutz ist in Heiligenhaus ein Kompromiss

Auch Biotope mit Farnen und Kresse gibt es hier in Heiligenhaus.
Auch Biotope mit Farnen und Kresse gibt es hier in Heiligenhaus.
Foto: Alexandra Roth
Der Heiligenhauser Wald hat viele Funktionen – neben dem Erosionsschutz und dem Klimaschutzist er auch ein beliebtes Naherholungsgebiet.

Heiligenhaus.  „Das ist ein Zukunftsbaum“, ruft Förster Hannes Johannsen. Sein Blick ist nicht etwa auf die geradegewachsene Buche gerichtet, sondern auf das krumme Exemplar daneben. Das hässliche Entlein ist von Löchern durchzogen und ein Paradebeispiel dafür, dass Naturschutz und Wald in Heiligenhaus ein ständiger Kompromiss ist. Jeder Meter im Naturschutzgebiet zwischen Waldmuseum und Museum Abtsküche wird vom Förster genau unter die Lupe genommen. Denn Naturschutz hat in Heiligenhaus viele Facetten.

Allein ist man im „Paradies“ nur selten. Bereits früh morgens hallt das Klimpern von Hundehalsbändern durch den Wald und auch die ersten Spaziergänger marschieren schon die Wege entlang. Der Heiligenhauser Wald ist in erster Linie ein beliebtes Naherholungsziel. Und für diese Erholung stehen den Heiligenhausern 122 Hektar städtisches Waldgebiet zur Verfügung. Damit sind etwa elf Prozent der Stadt ein Waldgebiet. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 33 Prozent.

Doch der Wald erfüllt auch andere Aufgaben. „Es ist nicht nur ein Naturschutzgebiet. Der Wald ist zudem noch Holzlieferant, Erosionsschutz, Klimaschutz und Wasserschutzgebiet“, zählt Johannsen auf.

Stufige Mischwälder kompensieren Krankheiten

Nicht nur diese Aufgaben muss der Förster bei seiner Arbeit im Auge behalten, auch die Wünsche der Heiligenhauser sollen berücksichtigt werden. Dies alles miteinander zu vereinen, verlangt eine gute Beobachtungsgabe – und manchmal ein stilles Abwarten.

Naturgemäße Waldwirtschaft und natürliche Waldgesellschaft sind hier die Stichwörter. Um das zu erreichen, „soll die Natur mitarbeiten. Wir wollen wenig pflanzen, dafür mehr Verjüngung.“ Die Bäume streuen ihre Samen selbst aus und was letztendlich wächst, regelt die Natur an vielen Stellen selbst. Durch kommen in großen Teilen des Waldes nur die Bäume, die schweren, kalkhaltigen Lehmboden lieben. Nur wenige Meter hinter dem Museum Abtsküche zeigt sich, welcher Laubbaum das ist. Typisch für Heiligenhaus sind Buchen. Sie kommen jedoch selten allein. Mit dabei ist ein kleiner Begleiter, der unentdeckt am Wegesrand wächst: die Hainsimse. Obwohl der Fokus auf dem Buchenbestand liegt, versucht der Förster den Wald durchzumischen, um für alle Situationen vorbereitet zu sein.

Bestes Beispiel sind die Eschen. Eine nach der anderen wird zur Zeit von einem japanischen Pilz dahingerafft. In fünf Jahren könnte bereits ein Drittel der Deutschen Eschen verschwunden sein. Auch im Paradies sind die verkümmerten Überreste einiger dieser Laubbäume zu sehen. Nun stelle man sich vor, ein Waldgebiet bestehe nur aus Eschen. Nach einer solchen Krankheitswelle wäre dieser Hain von der Landkarte verschwunden. „Stufige Mischwälder kompensieren so etwas und schaffen Reserven.“

Allerdings setzen nicht nur Krankheiten dem Heiligenhaus Wald zu. Sturm Ela habe zwar keinen großen Flächenschaden verursacht, dafür aber „Einzelwürfe“ in der Menge eines ganzen Jahreseinschlages von rund 450 Festmeter Holz. Jedoch sind mittlerweile große Teile dieser Schäden aufgearbeitet. Kleine Sturmflächen wurden aufgeforstet, andere Teile aber auch der natürlichen Entwicklung überlassen – der Wald erholt sich.

Keine Fressfeinde mehr

Auch wenn Hannes Johannsen dem Wald viele Freiheiten lässt, muss ab und an eingegriffen werden. Nicht nur die Flora wird reguliert, auch die Fauna braucht Unterstützung. Kritische Stimmen über ein solches Eingreifen werden immer wieder laut, die Natur könne das alleine. „Wäre es ein natürlicher Wald kann sie das, aber es ist nicht natürlich. Dazu gehören auch Fressfeinde, die den Wildbestand im Gleichgewicht halten und der Natur dadurch erlauben, ihre Automatismen zu machen“, erklärt Stadtförster Hannes Johannsen. Wolf, Bär und Co. sind hier jedoch nicht mehr heimisch, und so gewinnen Rehe und Wildschweine im Heiligenhauser Forst die Oberhand.

Der tierische Überfluss ist ein Problem für den Heiligenhauser Wald, der zu rund 75 Prozent ein Naturschutzgebiet ist. Den größten Anteil bei dieser Rechnung macht das „Paradies“ aus. Etwas abseits vom Hauptweg, unterhalb des Waldhotels liegt ein Areal, das auf den ersten Blick völlig normal aussieht. In der kleinen Senke wachsen viele Ilex Sträucher und wenig Bäume. „Dort verstecken sich viele Rehe und die fressen natürlich nicht die zahlreichen Buchen, sondern picken sich die Rosinen raus. Hier klappt es nicht, die Natur machen zu lassen. Wir werden Baumgruppen pflanzen und sie mit Verbissmitteln behandeln“, sagt Förster Hannes Johannsen Ein dezenter Eingriff, denn die Natur soll sich weitestgehend selbst entwickeln.

Mit dem Wald verdient die Stadt kein Geld

Der Naturschutz in Heiligenhaus erfordert so viele Kompromisse, weil der Fokus alle 50 Meter – bedingt durch die umweltlichen Beschaffenheiten – auf etwas anderem liegt: Buchenerhalt an der einen Stelle, Naherholung an der anderen. Doch so ein Naherholungswald kostet. „Mit einem solchen Wald verdient die Stadt kein Geld. Die Forstwirtschaft steht in der Prioritätenliste ganz hinten. Das ist gewollt und wird vom Kämmerer voll und ganz unterstützt.“

Finanziert wird der öffentliche Wald durch Steuergelder. Einen Gewinn macht die Stadt nicht – vielmehr gehe es darum, am Ende ein Plus-Minus-Null in der Kasse zu haben. Werden dennoch Bäume gefällt, dann wird zuerst der lokale Markt bedient. Brennholz gibt es von verschiedenen heimischen Händlern, eine Konkurrenz dazu möchte die Stadt mit eigenem Brennholzvertrieb nicht sein.

Kleine Biotope voller Überraschungen

Der Heiligenhauser Hain hält einige Überraschungen bereit, die ebenfalls gepflegt werden müssen. Jenseits der Wege verstecken sich kleine Biotope mit besonderen Ansprüchen.

Sumpfgebiete beispielsweise, die mit Kresse und Farnen überzogen sind. Doch auch so ein abgestorbener Baum ist ein ganz eigenes Biotop, deshalb lässt Förster Johannsen so viele von ihnen wie möglich stehen.

 
 

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