Heimaturlaub zwischen Trümmern

Spurlos ist der Zweite Weltkrieg auch nicht an August Steinbrinks Heimatstadt Heiligenhaus vorbei gegangen.
Spurlos ist der Zweite Weltkrieg auch nicht an August Steinbrinks Heimatstadt Heiligenhaus vorbei gegangen.
Foto: WAZ FotoPool
„Urlaub“ war ein Zauberwort für die Soldaten der damaligen deutschen Wehrmacht, wenn es hieß: „Urlaub kann gewährt werden.“

Heiligenhaus..  „Urlaub“ war ein Zauberwort für die Soldaten der damaligen deutschen Wehrmacht, wenn es hieß: „Urlaub kann gewährt werden.“ So auch für den Verfasser dieses Berichts, der nach 22 Monaten Abwesenheit von zu Hause aus dem tiefsten Russland auf Heimaturlaub kam. Nach einer kurzen Ausbildung kam ich als Nachersatz zu einer vollmotorisierten Division. Schon nach wenigen Tagen hieß es „marschbereit machen“ für den Bahntransport zum Balkan.

Nach Beendigung der Kampfhandlungen dort folgte der Rücktransport ins das Heimatkriegsgebiet Sachsen mit anschließendem Einsatz ab 21. Juni 1941. Bei all diesen Einsätzen gab es eine totale Urlaubssperre für die im Osten eingesetzten Soldaten. Erst im Frühjahr 1942 konnten Heeresangehörige ihren Heimaturlaub antreten. Es bestätigte sich, wie es in einem Soldatenlied hieß: „auf Urlaub fährt der Spieß (Hauptwachmeister) allein“. Zuerst fuhren höhere Dienstgrade in Urlaub, und zum Schluss gab es für den einfachen Landser einen heiß begehrten Urlaubsschein. Zu bemerken ist, dass jeweils nur vier Soldaten einer Einheit auf Heimaturlaub sein durften, damit Einsatzfähigkeit und Kampfkraft gesichert waren. Ich war in der Artillerie-Einheit der Jüngste und nicht verheiratet. Somit gehörte ich dann zu den letzten Soldaten, die aus der Kalmückensteppe vom Stützpunkt Elista den Heimaturlaub antreten konnte.

Von hier dauerte die Bahnfahrt über die Urlaubsübergangsstation Przemyśl mit Entlausung zwölf Tage. Hier ist zu sagen, dass sich die Stellung unserer Einheit in einer Entfernung von 2630 Kilometer Luftlinie von Berlin befand. Erste Eindrücke auf dieser langen Bahnfahrt waren die vielen Militärtransporte in Richtung Osten und die durch den Luftkrieg zerstörten Städte.

Lange Schlangen vor Lebensmittelläden

Endlich nach 22 Monaten Abwesenheit wieder zu Hause in Heiligenhaus! „. . .in der Heimat angekommen, fängt ein neues Leben an“, beginnt die letzte Strophe eines Soldatenliedes aus der Rekrutenzeit. Dieses sollte sich in den folgenden Tagen bestätigen, aber anders als gedacht. Schon auf dem Weg in der Morgendämmerung vom Bahnhof nach Hasselbeck fielen die sich an einigen Lebensmittelläden bildenden, Käuferschlangen auf. Einige Bekannte grüßten kurz in meine Richtung, ohne ihren Platz vor dem Laden zu verlassen – ein deprimierender Eindruck. Im Elternhaus war es eine besonders große Freude, als ich unangemeldet da stand. „Schön, dass Du da bist!“ hieß es.

Da es in Heiligenhaus keine Standortkommandantur gab, musste ich mich befehlsgemäß auf der Polizeiwache im Rathaus melden. Hier hieß es: „Weißt Du; es waren viele Soldaten, die sich hier gemeldet hatten und dann nach ihrer Rückkehr auf den Schlachtfeldern im Osten geblieben sind.“ Es gab fast kein Haus, wo nicht Opfer des schon über drei Jahre dauernden mörderischen Krieges zu beklagen sind. So auch die Söhne der linken und rechten Nachbarn. Diese waren ein Jahr lang alle vier Wochen auf Urlaub aus ihren Kasernen in Köln und Münster gekommen, nur meine Mutter bekam keinen Besuch und war traurig. Mit Beginn des Russlandfeldzuges stieg die Zahl der Gefallenen sprunghaft an. Die Nachricht vom Heldentod eines Soldaten überbrachte der Ortsgruppenleiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP).

Versorgungsengpässe in Heiligenhaus

Zu den ausgegeben Lebensmittelkarten gab es für die Soldaten aus dem Osten Zusatzkarten und außerdem ein „Führerpaket als Dank des Führers zum Einsatz gegen den Kommunismus“. In den Tagen des ersten Heimaturlaubs versuchten Mutter und auch Verwandte, den Aufenthalt so schön wie nur möglich zu gestalten. Zu erwähnen ist hier aber auch, dass die Bauern aus der Nachbarschaft Mutters Bemühen, ihren Sohn während des Urlaubs gut zu füttern, wohlwollend unterstützt haben.

Mit zunehmender Dauer des Krieges wurde auch für die Bevölkerung die Versorgung mit den einfachsten Dingen des täglichen Lebens immer schwieriger. Für alles wurden Bezugsscheine ausgestellt, aber selten war die Ware vorhanden. Die sehr prekäre Versorgungslage brachte es mit sich, dass sich vor den Lebensmittelläden, Bäckereien und Fleischereien weit vor Beginn der Öffnungszeiten lange Käuferschlangen bildeten. Im beschränkten Maß gab es Ersatzstoffe ohne Lebensmittelmarken.

Schweigemarsch nach Isenbügel

Bei Begegnungen mit Freunden und Bekannten hieß es: „Wann musst Du wieder fort?“ Schon vor dem Abreisetag hatte ich mich von Verwandten und Bekannten verabschiedet; nachdenkliche Gesichter bei den meisten, die mir nun alles Gute wünschten. Für die weite Reise hatte Mutter alles vorbereitet, damit ich trotz der dürftigen Wehrmachtsverpflegung für den Weg genug Essen hatte. Auf dem Weg zum Haltepunkt Isenbügel begleiteten mich die nächsten Verwandten; in Anbetracht der Abschiedsstimmung war es ein Schweigemarsch. Dann ein kurzes Winken aus dem Abteilfenster, die Dunkelheit nahm den Personenzug in Richtung Kettwig auf und mich somit wieder in eine ungewisse Zukunft.

EURE FAVORITEN