Evangelische Gemeinde Heiligenhaus muss konsequent sparen

Das Gotteshaus der evangelischen Kirchengemeinde Heiligenhaus in der Innenstadt: die historische Alte Kirche.
Das Gotteshaus der evangelischen Kirchengemeinde Heiligenhaus in der Innenstadt: die historische Alte Kirche.
Foto: WAZ FotoPool
Finanzmisere trifft zuerst die Landeskirche. Pfarrer Horst-Ulrich Müller: „Wir sind mit leichtem Gepäck gut unterwegs.“

Die rheinische Landeskirche muss sparen – und zwar drastisch. Allein die seit zwei Jahrzehnten unzureichend ausgestattete Versorgungskasse für die Pensionen der evangelischen Geistlichen muss in kurzer Frist um rund 12 Millionen Euro aufgefüllt werden. Die Landeskirche schließt den Internatsbetrieb ihres Gymnasiums in Hilden; sie schließt auch mehrere kirchliche Fortbildungs-Stätten. Dramatische Entwicklungen aus Sicht des neuen Präses Manfred Rekowski.

Doch in Heiligenhaus’ Haus der Kirche erläutert Horst-Ulrich Müller betont gelassen die Finanzlage „seiner“ Gemeinde: „Wir Pfarrer werden zu unseren Fortbildungen weiter fahren müssen.“ Die entspannte Sicht der Lage nach der Landessynode im Januar hat einen guten Grund: „Die Sparmaßnahmen bleiben auf Landes-Ebene.“ Pfarrer Müller berichtet von einer aus seiner Sicht „beispiellosen demokratischen Mitnahme“ auf allen Ebenen von der Landeskirche über die Kirchenkreise bis zu den Gemeinden. „Das hat es in dieser Offenheit so noch nie gegeben.“

Strukturelles Defizit auch vor Ort

Konkret: Alle Finanz-Kirchmeister gaben ihr Votum ab, wie die Rheinische Landeskirche mit ihrer Misere umgehen sollte. Grundtenor: Regelt das auf Eurer Ebene.

Kein Drama also für die Heiligenhauser Gemeinde, jedoch: Sparen bleibt auch für das Seelsorger-Team mit Kirsten und Horst-Ulrich Müller, Kirsten Düsterhöft und Birgit Tepe ein Dauer-Thema. „Seit eineinhalb Jahren wird hier sehr konsequent gespart.“ Wie die Landeskirche habe auch die Gemeinde ein „strukturelles Defizit“, so Pfarrer Müller: Im Vergleich seien es „Peanuts – aber wir müssen es kritisch beäugen“.

„Strukturelles“ Defizit heißt übersetzt immer: Personalkosten. „Aber das Thema rühren wir im Augenblick nicht an.“ Dann gehe die Gemeinde doch lieber „ein bisschen ans Ersparte“, wie Müller sagt. Im internen Finanzausgleich der evangelischen Gemeinden ist Heiligenhaus schon seit Jahren keine gebende, sondern eine nehmende Gemeinde. Andernorts verzeichnete die Kirchensteuer der beiden letzten Jahre (trotz vieler Austritte) dank guter Konjunktur und Einkommen ein Plus von drei Prozent. „Hier nicht“, bedauert Pfarrer Müller. „Das war früher anders.“

Fundierte Prognosen sagen der heute noch über 8000 Gemeindeglieder zählenden evangelischen Kirche in Heiligenhaus für das Jahr 2030 nur noch rund 6000 Angehörige voraus – ein Minus um ein Drittel. Weil zudem der Anteil der Jugendlichen und mehr noch der Senioren weiter ansteigen wird, sinkt der Kirchensteuer-Beitrag sogar noch deutlicher. „Wir müssen mit leichtem Gepäck unterwegs sein“, sagt Pfarrer Müller. „Aber wir sind gut unterwegs.“

„Eine gefährliche Frage“, sagt Pfarrer Horst-Ulrich Müller. Es ist die Reporter-Frage nach dem zukünftigen Bestand kirchlicher Institutionen: von den Kindergärten bis zum Seniorenheim.

Klar ist: Die Verantwortlichen wollen „eine große und gute Gemeinde“ nicht weiter verkleinern. Die ersten Schnitte waren für die Betroffenen bereits „sehr schmerzhaft“. Pfarrer Müller meint den Verkauf der Kapelle in Hetterscheidt und der Friedenskirche. Farbige Glasfenster und ein großes metallenes Baumkreuz erinnern im Haus der Kirche an die aufgegebenen Gotteshäuser. „Das ist mehr als nur Symbolik.“ Horst-Ulrich Müller ist erleichtert, dass in der Stadtmitte das neue Gemeindeleben „von allen angenommen“ wurde: „Wir hatten es erhofft, aber nicht erwartet.“

Nicht weiter verkleinern

Es brummt vor Aktivitäten im neuen Haus der Kirche, erbaut zu den „Kosten eines kleinen Anbaus im bischöflichen Palast von Limburg“, wie Horst-Ulrich Müller spitz anmerkt. Schließlich kostete der nun anderthalb Jahre alte Skandal um den Katholiken Franz-Peter Tebartz-van Elst auch und gerade die Protestanten in Heiligenhaus etliche Gemeindeglieder.

Elegante Lösung für die Dorfkirche

Der „kleine Anbau“ – sprich: das Haus der Kirche – ist schon so gut belegt, dass es schwierig werden könnte, ein Anliegen des neuen Kulturbüro-Chefs zu erfüllen: Stephan Nau möchte das Haus der Kirche nämlich gerne noch öfter für Kultur-Termine erschließen. „Ich bin sehr dafür“, sagt Pfarrer Müller. Wenn es der Terminkalender der Gemeinde denn erlaubt.

Schließlich profitiert im nördlichen Seelsorgebezirk die Gemeinde vom blühenden Kulturleben. In Isenbügel erhält der Förderverein die Dorfkirche auch für die Gemeinde: Die Betriebskosten dort sind für die Gemeindefinanzen kein Thema mehr. Für das Gemeindezentrum Oberilp ist eine derart elegante Lösung der Kostenfrage zwar nicht gefunden. Horst-Ulrich Müller aber betont die Bedeutung der Arbeit in diesem „Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf“.

Was der Pfarrer in all den Kosten-Diskussionen vermisst, sind allerdings die – selten in Euro und Cent umgerechneten – Beiträge der Ehrenamtlichen. Würde kirchliche Infrastruktur wegbrechen, sollte man nicht erwarten, dass dieses unbezahlbare, weil unbezahlte Engagement stets bestehen bleibt: „Ehrenamtliche tun das nur für den lieben Gott.“

Alles kann Kirche nicht erhalten

Wir lebten einfach über unsere Verhältnisse.“ So bündig umreißt Jürgen Buchholz die finanzielle Not der Rheinischen Landeskirche. In der „Solidargemeinschaft“ aller Protestanten sieht der Superintendent indirekt aber auch „seinen“ Kirchenkreis Niederberg betroffen.

„Noch stecken wir viel Geld in Diakonie und Soziales.“ Natürlich verweist auch der Superintendent auf die im Herbst aufgelegte Broschüre „Die Kirche, ihre Mitarbeitenden und das liebe Geld“. Die Eigenmittel des Kirchenkreises für soziale Aufgaben sind dort en detail dargelegt: Für die Kindertagesstätten sind’s mehr als eine Million Euro, für die Seniorenarbeit eine Viertelmillion. Die Hoffnung, alles an kirchlicher Infrastruktur erhalten zu können, nennt der in Heiligenhaus wohnende Superintendent „unrealistisch“.

Zurück zur Landeskirche mit dem strukturellen Defizit von acht Millionen Euro. Sie trägt aus Sicht von Jürgen Buchholz „eine große Last an teuren Immobilien“ – darunter jene zehn Schulen, deren Betrieb zwar der Staat refinanziert. Doch Gebäude zu unterhalten sowie der Internats-Betrieb in Hilden sei „hoch defizitär“. Das bis zum Jahr 2018 erklärte Ziel der Landeskirche ist es, den eigenen Haushalt von 60 auf 40 Millionen Euro – also um ein Drittel – abzuschmelzen. Wie das im Einzelnen gelingen soll und kann, steht noch nicht fest.

Der Beitrag des Kirchenkreises? „Wir sind Teil der Region“, sagt Jürgen Buchholz, „und Niederberg ist nicht die wohlhabendste“. Ihre eigenen Haushalte plant bereits jede Kirchengemeinde von Heiligenhaus bis Wülfrath „zunächst“ mit einem Defizit. Die Spardebatte bleibt dem Superintendenten als Aufsichts-Instanz über die Gemeinde-Finanzen nicht einmal am Rosenmontag erspart: Dann liegen in Langenberg die Zahlen auf dem Tisch.

„Nicht jede Gemeinde muss alles machen“, sagt Jürgen Buchholz zu Spar-Möglichkeiten der nächsten Jahre. Eine Zukunft wie unmittelbar nördlich der Stadtgrenze im katholischen Ruhrbistum fürchtet er für die Protestanten aber nicht: „Die Großgemeinden entstanden dort doch eher aus Priestermangel.“ Diese Sorge, immerhin, habe die evangelische Kirche nicht.

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