„Er war irgendwie anders“

Nicole Krzemien
Hatten zur Vortragsveranstaltung über Autismus eingeladen: Doris Stohler, Gabi Rodemers, Dirk Preus und Steffi Wedau (v.l.). Foto : H. W. Rieck
Hatten zur Vortragsveranstaltung über Autismus eingeladen: Doris Stohler, Gabi Rodemers, Dirk Preus und Steffi Wedau (v.l.). Foto : H. W. Rieck
Foto: WAZ FotoPool
„Autismus – Ich, meine Welt und Du“. Eine betroffene Familie berichtet. Experten geben Hintergrundinfos.

Heiligenhaus. „Mama, was ist das Wasser in deinen Augen?“ Die Mutter weint. Nach dieser Frage könnte erneut ein Tränenschwall fließen, denn sie macht eines besonders deutlich: Ihr Kind ist krank. Es leidet unter Wahrnehmungsstörungen und Veränderungsängsten, unter Stereotypie und Kommunikationsstörungen. Nur ein Kind, das eine tiefgreifende Entwicklungsstörung hat, kann so einen Satz formulieren. Kurz: ein Autist.

Zum Thema Autismus hat das Familienzentrum Löwenzahn jetzt eine Vortragsveranstaltung organisiert. Ganz plastisch, mitunter gar erschütternd ist dabei der Bericht eines Heiligenhauser Elternpaars. Ein Zwillingspärchen, Junge und Mädchen kommen vor rund elf Jahren zur Welt. „Es war eine schöne Schwangerschaft bis zur 39. Woche“, sagt die Mutter. Die Entbindung war okay. Die Neugeborenen erhalten alle zehn Untersuchungspunkte, das bedeutet sie seien normal.

Mit sechs Monaten bekommt der kleine Junge Krankengymnastik, es folgen Ergotherapie und Logopädie. „Wir haben ihm immer den Jungen-Bonus gegeben“, berichtet die Mutter. Ganz geheuer war ihnen die Entwicklung ihres Kindes aber nicht.

Odyssee durch Praxen und Krankenhäuser

„Er war irgendwie anders“, blickt die Mutter zurück, „wir haben nur gemerkt, dass es nicht normal ist“. Die Eltern haben immer den Vergleich zur gleichaltrigen Schwester. Deshalb begibt sich die Familie auf eine Odyssee durch Praxen und Krankenhäuser, bis nach München. Organisch sei das Kind gesund, sagen die Ärzte den Eltern. Der Verdacht ging in Richtung ADHS.

„Letztes Jahr konnten wir nicht mehr“, sagt die Mutter und schaut ihren Mann an. Die nicht ausgedrückten Erinnerungen schwingen durch den vollen Saal. Etwa 80 Menschen leiden mit. „Wir waren fertig“, setzt sie noch nach, „wir haben unseren Sohn nicht verstanden“.

Den entscheidenden Hinweis erhalten die Eltern schließlich von einer Referendarin. „Sie hat mir direkt vor den Kopf gesagt, ihr Kind ist autistisch.“ Mit der Diagnose setzt sich eine Welle in Bewegung, die endlich Hilfe für die ganze Familie bringt und sie zusammenhält.

Rituale helfen

„Rituale helfen“, erklären nicht nur die Eltern, sondern auch Therapeutin und Ärztin in ihren Vorträgen im Familienzentrum Löwenzahn.

Mit Piktogrammen schaffen es die Eltern, ihrem Sohn den nächsten Schritt im Tagesablauf zu erklären. „Die Arbeit mit Bildern erleichtert uns den Alltag, weil die sich nicht verändern“, erklärt die Mutter.

Das Städtische Kinder- und Familienzentrum Löwenzahn hatte zum Thema „Autismus - Ich, meine Welt und Du“ eingeladen. „Die Idee ist vor zwei Jahren entstanden“, berichtet Dirk Preuß, Integrativer Gruppenleiter. „Damals gab es wenig Vorträge, die sich mit der Krankheit auseinandersetzten.“ Gemeinsam mit seinen Kolleginnen Doris Stohler und Steffi Wedau organisiert er ein hervorragend geschnürtes Vortragspaket rund um das Thema Autismus. Darin enthalten ist das Krankheitsbild aus medizinisch-neurologischer Sicht, ein Erfahrungsbericht von Eltern, über die Kommunikation und Interaktion sowie über die systemische Autismus- und Familientherapie.

Während ihres Vortrags beschreibt auch die Ärztin Dr. Sabine Brauer die Auffälligkeiten und Defizite der Autisten, beendet ihre Ausführungen aber mit den Fähigkeiten der Patienten: „Sie sind uneitel, sehr verlässlich, haben oft unglaubliche Detailkenntnisse und sind einfach ehrlich!“