Eine riesige Wasserwaschstraße in Heiligenhaus

Hannah Blazejewski
Markus Koch, Fachbereichsleiter Abwasser beim Bergisch-Rheinischen Wasserverband, hoch über der Kläranlage Angertal in Hofermühle.
Markus Koch, Fachbereichsleiter Abwasser beim Bergisch-Rheinischen Wasserverband, hoch über der Kläranlage Angertal in Hofermühle.
Foto: WAZ
Was macht braune Brühe wieder zu glasklarer Flüssigkeit? Die WAZ verfolgt die Spur des Heiligenhauser Abwassers durch das Klärwerk Angertal des Bergisch-Rheinischen Wasserverbands in Hofermühle.

Heiligenhaus.800 Meter und 11 bis 20 Stunden lang ist der Weg, den trübes Schmutzwasser durch die größte Waschanlage der Stadt macht, bevor es klar wieder in den Angerbach läuft. Was sauber und frisch aussieht, ist kein Trinkwasser für Menschen. „Obwohl in allen unseren 22 Kläranlagen die gesetzlichen Anforderungen an die Abwasserreinigung mehr als erfüllt werden und wir das gereinigte Abwasser wieder in die Gewässer leiten dürfen, ist es nicht zum Trinken für Menschen gedacht und kann zu ziemlichem Bauchgrummeln führen“, erläutert Markus Koch.

Koch ist Fachbereichsleiter Abwasser beim Bergisch-Rheinischen Wasserverband (BRW), der das Klärwerk Angertal in Hofermühle betreibt. Wie aus schmutziger Brühe klares Wasser, Straßenunterbelag und sogar Energie werden kann, erklären der BRW-Fachmann und der verantwortliche Meister der Anlage, Peter Kemnitz, auf einem Rundgang durch die riesige Abwasserreinigungsanlage am Rande der Stadt.

Es regnet Bindfäden, als sich das große, grüne Gittertor bedächtig zur Seite schiebt und den Weg in die größte Waschstraße im Stadtgebiet frei macht. Dass der Dauerregen auch seine positiven Seiten hat, bemerkt man beim Besuch der ersten Reinigungsstufe. „Bei Trockenheit wäre die Geruchswahrnehmung deutlich höher“, sagt Koch und schmunzelt über die gerümpften Nasen der Journalisten. In der Rechenanlage fließt das Schmutzwasser durch einen überdimensionalen Kamm. „Hier werden Grobstoffe wie Toilettenpapier, Fäkalien oder Kondome aus dem Wasser geholt“, berichtet Markus Koch. Heute hängen vor allem Massen von Laub in den großen Rechen. Denn in die Kläranlage fließt nicht nur alles, was die Heiligenhauser die Toilette hinunter spülen, sondern auch das Regenwasser, das mit Laub und Straßendreck in der Kanalisation landet. Besonders viel Schmutzwasser durchläuft die erste mechanische Reinigungsstufe morgens zwischen 8 und 10 Uhr. Weitere Spitzenzeiten verzeichnen die Mitarbeiter der Kläranlage, wenn in vielen Haushalten mittags das Essen auf den Tisch kommt und dann nochmal in den Abendstunden. „Und bei Fußballübertragungen in der Pause natürlich“, sagt Markus Koch und lacht. Klopapier, Laub und Co. landen zunächst in einem Container. „Das Rechengut geht dann in eine Müllverbrennungsanlage nach Bottrop“, erklärt Koch und zeigt auf zwei riesige Metallcontainer.

700 Liter braune Brühe bahnen sich an Regentagen wie diesem pro Sekunde den Weg in die Wasserwaschstraße, passieren zunächst die Rechenanlage und fließen dann in den Sandfang. In zwei breiten Kanälen setzen sich bei niedriger Fließgeschwindigkeit Sand und andere schwere Partikel aus dem Abwasser auf dem Boden ab und werden mittels eines großen Staubsaugerähnlichen Geräts abgesaugt. „Wir nutzen hier ganz einfach den physikalischen Effekt“, erklärt Markus Koch, während er den Kanal abschreitet. Wie auch das Treibgut aus der ersten Reinigungsstufe, werden die abgesaugten Partikel aus dem Sandfang in Containern gesammelt, anschließend abtransportiert und sogar wiederverwertet.

Das Sandfanggut wird in Duisburg von einer Spezialfirma zu Unterbau für Straßenbeläge verarbeitet oder zur Rekultivierung von Deponien eingesetzt. In manchem Klärwerk wird der Sand direkt gewaschen und sieht anschließend aus, als käme er aus einem Sandkasten. Zur Befüllung einer Sandkiste sollte man ihn aber trotzdem nicht verwenden, denn er ist nicht „hygienisiert“. Solch eine Sandwaschanlage soll demnächst in der Anlage im Angertal nachgerüstet werden.

Wasser, das die ersten beiden Stufen durchlaufen hat, gelangt ins Vorklärbecken. Hier setzt sich am Grund ein schmodderiger Schlamm ab, den sogenannte Räumer in die in den Boden eingelassenen Trichter schieben. Wirklich sauber ist das Wasser noch nicht, wenn vier Pumpen es vom Vorklärbecken in das höher gelegene Belebungsbecken befördern. Im „Herzen der Anlage“ kommt Chemie ins Spiel. Um den Phosphor aus dem Schmutzwasser zu ziehen, wird ihm Eisen zugesetzt. Die chemischen Elemente verbinden sich, setzten sich auf dem Boden ab und können über den Bodenschlamm mittels Trichter abgezogen werden.

„Hier arbeiten meine liebsten Mitarbeiter“, sagt Koch und schmunzelt. Die Bakterien im Belebungsbecken brauchen nur Luft zum Arbeiten. Obwohl das Wasser hier viel brauner erscheint als zuvor, ist es schon von vielen Schmutzpartikeln befreit. Schuld am flockig-braunen Zustand der Flüssigkeit sind Kochs winzige Lieblingsmitarbeiter, die den Stickstoff aus dem Abwasser holen.

Die letzte Stufe, die das Schmutzwasser in der Kläranlage passieren muss, bevor es wieder in den Angerbach läuft, sind die sieben Nachklärbecken. Hier trennt sich das gereinigte Wasser vom mit Bakterien durchsetzten Schlamm.

Nicht nur die Mitarbeiter der Kläranlage entnehmen täglich Proben des gereinigten Wassers aus dem Ablauf in den angrenzenden Angerbach. Auch die Bezirksregierung kontrolliert regelmäßig die Qualität des Wassers.

Obwohl es richtig sauber aussieht, enthält es beispielsweise noch Rückstände von Medikamenten, sogenannte Spurenstoffe. Um die jedoch aus dem Wasser zu filtern, müsste eine weitere Reinigungsstufe nachgeschaltet werden. Trotzdem, so Markus Koch, sei es unbedenklich, wenn Tiere das Bachwasser trinken. Denn im Bachbett wird das Wasser aus der Kläranlage mit Regenwasser vermischt.