Der Heiligenhauser Dialekt verstummt

Monique de Cleur
Rechtschreibung und Grammatik sind in Köpfen wie dem des Heimatchronisten August Steinbrink
Rechtschreibung und Grammatik sind in Köpfen wie dem des Heimatchronisten August Steinbrink
Foto: WAZ FotoPool
20 bis 30 Sprecher beherrschen das Heljenser Platt noch, schätzt Heimatchronist August Steinbrink. Es zu bewahren, sieht er keine Chance mehr. Für ihn geht damit „ein Stück Heimat“ verloren.

Heiligenhaus.  Früher war das Heljenser Platt in aller Munde. Heute droht es zu verstummen: Nur wenige Heiligenhauser sprechen es noch, selbst die Jüngsten unter ihnen zählen zu den Ältesten der Stadt. WAZ-Redakteurin Monique de Cleur sprach mit der Koryphäe des Dialekts: Heimatchronist August Steinbrink.

Was bedeutet Ihnen das Heljenser Platt?

August Steinbrink: Ein Stück Heimat. Ich bin damit groß geworden. Meine Eltern haben untereinander Dialekt gesprochen, auch mit Geschwistern, anderen Verwandten und Nachbarn. Aber mit uns Kindern wurde Hochdeutsch gesprochen, damit wir in der Schule zurechtkamen. Trotzdem haben wir Kinder beides gesprochen.

Was geht Ihnen leichter über die Lippen: Hochdeutsch oder Dialekt?

Beides gleich.

Wie oft sprechen Sie heute noch Heljenser Platt?

Wenn ich mit Leuten zusammentreffe, von denen ich weiß: Mit denen kannst Du Dich im Dialekt unterhalten. Das kommt ab und zu vor. Wenn ich Gleichaltrige treffe – und ich bin 94 Jahre alt.

Wie viele Sprecher gibt es noch?

Das können vielleicht noch 20 bis 30 Leute. Meine Jahrgänge, wie Heinz Dellenbusch, Hugo Weigel, die sind alle tot.

Heiligenhaus hat seinen Dialekt, Velbert oder Kettwig auch – wo verlaufen sprachlich die Grenzen?

Das Heljenser Platt reicht etwa bis Hofermühle. Wenn ich bei der Offers-Kompeneï Heiligenhauser Platt vorlese, verstehen die das auch. Zwischen Velbert und Heiligenhaus ist eigentlich keine sprachliche Grenze. Zu Kettwig schon: Das versteht man gegenseitig nicht.

Was macht das Heljenser Platt besonders?

Zum Beispiel die Redensart: „Dann is de Döwel emm Busch“ (Dann ist der Teufel im Busch). Das sagt man, wenn irgendetwas passiert ist, wenn zum Beispiel eine Untertasse kaputtgeht. Es gibt keine feste Rechtschreibung. Weigel hat im Dialekt geschrieben, ich habe im Dialekt geschrieben, einer anders als der andere. Aber nachher haben wir uns angeglichen. Auch eine eigene Grammatik gibt es nicht zum Nachschlagen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Heljenser Platt?

Sehr schlecht. Ich sehe keine Chance, das noch weiterzugeben.

Haben Sie selbst es an Ihren Sohn weitergegeben?

Als mein Sohn acht Jahre alt war, ging ich mit ihm zum Onkel gegenüber. Mit ihm habe ich mich auf Dialekt unterhalten. Da sagte mein Sohn hinterher: „Der Papa hat ganz anders gesprochen.“ Es war einfach keine Notwendigkeit, mit ihm darin zu sprechen. Ich hab’ ihm wohl darin vorgelesen. Verstehen tut er es, sprechen nicht.

In Schleswig-Holstein oder Hamburg beispielsweise ist Platt Unterrichtsfach. Sollte auch das Heljenser Platt an der Schule unterrichtet werden?

Das wäre schön, aber wer könnte das machen? Die Lehrkräfte an den Schulen sind alles studierte Leute – aber nicht in Dialekt.