„Dem Auge was zu arbeiten geben“

Marlies Conen zeigt zwei Studienarbeiten: Im Glassenkungsverfahren hat sie bunte Scherben zu einem Teller verschmolzen. Die Lampenschirme bestehen aus Bone China – Knochenporzellan. Foto: H.W. Rieck
Marlies Conen zeigt zwei Studienarbeiten: Im Glassenkungsverfahren hat sie bunte Scherben zu einem Teller verschmolzen. Die Lampenschirme bestehen aus Bone China – Knochenporzellan. Foto: H.W. Rieck
Foto: WAZ FotoPool

Heiligenhaus.. „Ton ist meine Passion“, reimt Marlies Conen (55). Dabei ist ihr Ding nicht Dichten, sondern Glas und Keramik. Seit 20 Jahren schon formt sie aus ihrem Gefühl Skulpturen. Auch Technik und Theorie beherrscht sie. Diesen Sommer hat sie an der Krefelder Design-Hochschule Niederrhein diplomiert. Gelernte Fotografin ist sie, hat als Krankenpflegerin gearbeitet und drei Töchter großgezogen.

Flur, Wohnzimmer und Küche stehen voller Skulpturen, teilweise Studienarbeiten: Auf dem Wohnzimmertisch „die Welle“, eine blaue quadratische Glasfläche; sie war mal glatt. Conen hat sie bei etwa 800 Grad über einer wellenförmige Tonvorlage schmelzen lassen (Glassenkungsverfahren), nun sieht das Stück aus wie eine Wasseroberfläche.

Über dem Küchentisch hängen Lampenschirme aus Knochenporzellan: „Aus dieser Vorlage fertigen wir fünfzehnhundert Stück“, hat ihr Krefelder Professor dazu gesagt. Da tritt der Warencharakter hervor. Auch, als die Studierenden Schalen für Meissner Porzellan entworfen haben. Conen: „Ist auch ein bisschen Ideenklau.“ Der Studiengang „Objekt- und Produktdesign“ klingt nach industrieller Massenfertigung. Tatsächlich bereitet er auch darauf vor. Für Conen jedoch kam das nie in Frage. Nach ihrem Abschluss hat sie das Gefühl, ein Handwerk zu beherrschen. Damit will sie Kunst machen und dabei mit Menschen zu tun haben, ihr Wissen in Kursen mit anderen teilen.

„Wir brauchen die Kultur. Wenn man ins Museum geht, redet man danach miteinander darüber. Ohne das wären die Menschen doch sprachlos“, sagt Conen, „wenn man auf ein Konzert geht oder in die Kirche, dient das nicht nur dem großen Gott oder der Musik, sondern dem Miteinander.“ Über Kunst zu reden, bereichert das Leben. Kunst zu machen erst recht. „Als Hausfrau macht man Dinge, die sofort wieder vernichtet werden: Das Essen wird gegessen, auf das Putzen folgt Beschmutzen. Eine Skulptur hat einen Wert, weil sie bleibt. Zumindest so lange man lebt.“

Keramik ist ein anspruchsvolles Kunsthandwerk. „Filigrane Porzellanfiguren sind nicht umsonst so teuer. Die vielen Einzelteile kann man nur von Hand zusammenfügen.“ Und: „Der Brennofen verzeiht einem nichts. Es kann was Gutes rauskommen oder nur Bruch. Das ist das Spannende daran.“

Etwas entgegensetzen

Conen zeigt eine Porzellandose, die sie einer Lampionblume nachempfunden hat, absichtlich asymmetrisch. Dem Design vieler heutiger Produkte merkt sie an, dass sie am Computer entstanden sind. Leblos sei das, so ebenmäßig, wie es in der Natur nicht vorkommt. „Dieses Hochglanzglatte à la Schöner Wohnen“ findet sie langweilig. Dem will Conen „was entgegensetzen. Dem Auge und Gehirn was zu arbeiten geben“. Dazu verwendet sie einem Ton, dessen grobe Körnung eine unvorhersehbare, unbeeinflussbare Oberflächenstruktur hinterlässt. Oder sie macht besonders rundliche Torsi: „Bei dem ist der Kopf weg, müsste aber eigentlich da sein. Als Krankenpflegerin habe ich das täglich erfahren: Wie sehr alle auf das Körperliche reduziert werden.“

An einer Küchenwand hängt ein blaues Acrylgemälde, hochformatig. In die gelben Flecken hat sie mit einer Gabel Schriftzeichen einer unbekannten Sprache eingeritzt, dahinter schimmert das Blau durch. Conen vermutet, dass es „meine damalige Gefühlswelt ausdrückt. Aber es ist fünf bis zehn Jahre alt. Damals hatte ich noch kleine Kinder.“ Dann erinnert sie sich doch an Details. „Ursprünglich sollte noch eine dritte Farbschicht drauf. Ich habe drauf verzichtet. Das habe ich in Krefeld auch gelernt: ein Stück nicht kaputt zu gestalten. Man kann ewig daran feilen. Aber irgendwann sollte man sagen: Jetzt ist es gut, unperfekt wie es ist.“

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