Asylbewerber stirbt in Heiligenhaus – Staatsanwaltschaft Wuppertal ermittelt

Kämmerer Michael Beck versuchte in Heiligenhaus, die aufgebrachten Bewohner zu beruhigen und sprach ihnen seine Anteilnahme aus. Bevor es zu einem Gespräch im Ratssaal kam, flogen aber noch eine Handvoll roher Eier gegen die Rathaustür.
Kämmerer Michael Beck versuchte in Heiligenhaus, die aufgebrachten Bewohner zu beruhigen und sprach ihnen seine Anteilnahme aus. Bevor es zu einem Gespräch im Ratssaal kam, flogen aber noch eine Handvoll roher Eier gegen die Rathaustür.
Foto: Andreas Berten
Drama im Heiligenhauser Asylbewerberheim: Asylbewerber Hassan (44) aus Ghana liegt im Sterben, doch der Krankenwagen lässt Stunden auf sich warten – so erzählen es jedenfalls die Mitbewohner. Der Kreis berichtet von einem Anruf unter der Notrufnummer. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Wuppertal, was passiert ist.

Heiligenhaus. Die letzten Fotos von Hassan, ob digital auf dem Smartphone oder auf Papier gedruckt in den Händen seiner Mitbewohner, zeigen einen offenbar lebensfrohen Mann. Nun ist der 44-jährige Asylbewerber aus Ghana im Klinikum Niederberg verstorben, nachdem er im Übergangswohnheim an der Ludgerusstraße kollabiert war.

Hassan lebte 13 Jahre in Heiligenhaus – dass er nun sterben musste, ist nach Ansicht der Bewohner auf unterlassene Hilfeleistung zurückzuführen. Das jedenfall werfen sie den Rettungsdiensten vor. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

„Wir haben fünf-, sechsmal den Krankenwagen angerufen, der ist nicht gekommen“, sagt einer der Bewohner, die sich am Dienstag in der Frühe am Wohnheim versammeln und damit auch lautstark gegen die Bedingungen in der Übergangsbleibe protestieren. Von „gar nicht gekommen“ bis „erst zwei Stunden später“ variieren die Angaben, ebenso was die gewählten Notrufnummern angeht – mal ist es die 110, mal die 112.

Der Kreis Mettmann aber erklärt, dass der Hausarzt-Notdienst, den man unter 116117 kontaktiert, den Notruf an die Feuerwehr-Leitstelle um 14.18 Uhr gesendet hat. „Neun Minuten später war der Rettungswagen da“, sagt Pressesprecherin Daniela Hitzemann. Jedoch: Es wurde kein Rettungswagen mit Sonderrechten (Blaulicht und Notarzt) bestellt, der Notdienst vor Ort habe die Situation vor Ort wohl „nicht als lebensbedrohlich eingestuft“. Um 15.05 Uhr wurde Hassan im Klinikum aufgenommen, wo er dann verstarb.

Hassan war schwer erkrankt

Die aufgebrachten Flüchtlinge ziehen zum Rathaus – um ihre Trauer um dem Verstorbenen kundzutun und aus der Furcht heraus, Hassan sei womöglich angesichts schimmeliger Wände und ungenügender Hygienezustände auf den Toiletten erkrankt. Damit, so ist aus den Gesprächen herauszuhören, könnten sich ja nun auch andere Bewohner der Notunterkunft (die bisherige an der Friedhofsallee wird abgerissen, wo ein neues Heim gebaut wird, steht noch nicht fest) anstecken.

Was einige von ihnen offenbar nicht wissen: Hassan war dem Vernehmen nach an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, hatte in den letzten Wochen körperlich stark abgebaut. Am Sonntag hat er nun wohl einen Zuckerschock erlitten. „Es spricht alles gegen eine ansteckende Krankheit“, sagt die Pressesprecherin des Klinikums, Ulrike Müller.

„Ich bedaure das sehr“, ist Kämmerer Michael Beck nach einem Gespräch mit den aufgebrachten Bewohnern betroffen, „er war wohl eine sehr beliebte und engagierte Person, was das Zusammenleben angeht.“ Der Frage, wie schnell dem Ghanaer geholfen worden sei, müsse nun die Justiz nachgehen. Von der Kreispolizei ist nur zu hören: „Es wird alles geprüft.“

Eine eingeleitete Untersuchung bestätigte Heribert Kaune-Gebhardt, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Wuppertal: „Es läuft eine Obduktion zur Feststellung der Todesursache“, Aussagen lägen schon vor. Zudem müssten Unterlagen und Protokolle wie beispielsweise Telefonbänder der Leitstellen gesichert und ausgewertet werden. Erst danach lässt sich sagen, ob Hassan vielleicht noch leben könnte oder nicht.

„Niemand fühlt sich zuständig“

Mit beschriebenen Bettlaken („Asyl ist Menschenrecht und kein Privileg. Kein Lager in Heiligenhaus“) zogen rund 20 Asylbewerber zum Rathaus, um gegen die ihrer Meinung nach schlechten Bedingungen in der ehemaligen Pestalozzischule zu protestieren. Die Bewohner zeigten Fotos von verschimmelten Wänden, für alle stünden lediglich eine Toilette und eine Dusche (aus einer zweiten käme nur Kaltwasser) zur Verfügung.

Teilweise wären bis zu drei Familien, alle aus unterschiedlichen Ländern und mit verschiedenen Religionen, in einem Zimmer untergebracht. An Wochenenden fiele oft der Strom aus, Heizungen würden nicht funktionieren. „Niemand fühlt sich zuständig“, beklagen die Bewohner. Die Stimmung beim Gespräch mit ihnen bezeichnete Michael Beck als „emotional aufgeladen, aber okay“. Die Bewohner sollten eine Liste mit Mängeln erstellen, die zwei Sprecher von ihnen dann mit Sozialarbeiter Thomas Brüssel besprechen.

 
 

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