Wie Ursula Winter die Pogromnacht erlebte

Privatfoto vom jüdischen Kaufhaus der Gebrüder Kaufmann in Hattingen, Große Weilstraße 33. Ursula Winter ist die Enkelin von Hugo Kaufmann, der ein jüdisches Kaufhaus in Hattingen hatte.
Privatfoto vom jüdischen Kaufhaus der Gebrüder Kaufmann in Hattingen, Große Weilstraße 33. Ursula Winter ist die Enkelin von Hugo Kaufmann, der ein jüdisches Kaufhaus in Hattingen hatte.
Foto: Privat
Die heute 89-Jährige wohnte 1938 an der Bruchstraße. Heute lebt sie in Chicago – und vergisst nicht, aber vergibt

Hattingen..  „Ich habe den Holocaust überlebt. Die grausamste und menschenverachtendste Zeit, an die ich mich erinnere. Ich versuche bis heute, sie zu vergessen.“ Die Stimme von Ursula Winter klingt brüchig, wenn sie von ihren Erinnerungen erzählt. Erinnerungen an ihre Jugend in Hattingen, ihre Familie, die Flucht vor den Nationalsozialisten. Ursula Winter ist 89 Jahre alt und lebt in Chicago. Ursula Winter ist Jüdin.

Geboren wurde sie am 25. Februar 1923 unter dem Mädchennamen Hefter in Berlin. Im Alter von sechs Jahren zog sie mit ihren Eltern, Mutter Hildegard und Vater Jacob, nach Bochum. „Bis dahin fühlte ich mich als Deutsche“, sagt Ursula Winter. Doch mit Hitlers Machtergreifung nehmen die Judenfeindlichkeit und der Druck der Nationalsozialisten unaufhaltsam zu. „Als ich meine Freundin zum Rollschuh laufen abholen wollte, öffnete ein Polizist die Tür. Er meinte, ich sehe nicht jüdisch aus. Nur deshalb durfte ich mit seiner Tochter spielen.“

Bald darauf verliert ihr Vater die Arbeit – weil er Jude ist. Die Familie zieht nach Hattingen, in das Haus ihrer Großmutter Selma an der damaligen Bruchstraße 3. Dort ist das Modegeschäft „Gebrüder Kaufmann“ ihres verstorbenen Großvaters Hugo Kaufmann untergebracht, in dem ihr Vater fortan arbeitet. An das Haus erinnert sich Ursula Winter, damals zwölf, genau: „Es war majestätisch von außen. Im dritten Stock war unsere Wohnung. Mein Zimmer zeigte zu der Seite, wo die Straßenbahn fuhr.“ Über Hattingen sagt sie: „Ich werde diese kleine Stadt immer lieben und schätzen, trotz allem, was passierte.“ Ursula Winter besucht bis 1937 das Freiherr-vom-Stein-Lyzeum in Bochum. Dann muss sie – wie alle Juden – die Schule verlassen. Sie beginnt eine Schneiderlehre in Bochum. Zusammen mit einem weiteren jüdischen Mädchen.

Die erste Deportation

Als sie Ende Oktober 1938 zur Arbeit kommt, fehlt das Mädchen an seinem Arbeitsplatz. „Ich dachte, sie sei krank“, erzählt Ursula Winter. Doch abends am Bahnsteig ahnt sie, dass das nicht stimmt. „Ich sah Menschen mit Koffern wild durcheinander laufen. Das war die erste Deportation von Juden an einen unbekannten Ort. Ich wusste nicht, wie ich helfen sollte. Mein Zug nach Hattingen kam und ich stieg einfach ein.“ Tatsächlich beobachtet Ursula Winter die „Polen-Aktion“, die kurzfristig durchgeführte Abschiebung von Juden polnischer Nationalität. Etwa 25 Bochumer Familien waren von der Ausweisung betroffen, rund 17 000 polnischstämmige Juden deutschlandweit.

Geschichtlich gesehen folgte auf die „Polen-Aktion“ das Attentat von Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938 in Paris, das wiederum die Reichspogromnacht nach sich zog. Auch Ursula Winters Vater Jacob wurde in Schutzhaft genommen, verbrachte eine Nacht in der Gefängniszelle des Hattinger Rathauses. Von dort aus verschleppte ihn die Gestapo in die Dortmunder Steinwache, anschließend ins KZ Sachsenhausen. Nach stundenlangem Appellstehen, Enge und Gewalt hat wohl auch Jacob Hefter erkannt: In Deutschland gibt es keine Zukunft. Er stimmt dem Verkauf des Hauses, der Auswanderung seiner Familie zu, wird entlassen.

Ins Kinderheim nach Uetrecht

Bereits am 2. Dezember meldet die Westfälische Landeszeitung Rote Erde, dass „die jüdische Geschäftemacherei in Hattingen zu Ende gegangen ist“ und „Handwerker die früheren jüdischen Ramschläden herrichten“. Als erstes neues Unternehmen eröffnete am Tag zuvor Gustav Demmler jun. sein Textilhaus – in den Räumen der Firma Kaufmann. Ursula Winter wohnt mit ihrer Familie noch immer darüber.

Am 6. Januar flüchtet Ursula Winter mit dem Zug nach Holland. Allein, ohne Familie. Die bleibt zurück. „Ich kam nach Uetrecht in ein Kinderheim, war dort sehr gut aufgehoben“, erinnert sie sich. Es dauert drei Monate, bis sie ihre Eltern und ihre Großmutter in Amsterdam wiedersieht. Gemeinsam wandern sie im Mai mit dem Schiff nach Kolumbien aus. „Dort lebten wir zwei Jahre, bis wir in New York einreisen durften.“ Ursula Winter verdient ihr Geld zunächst mit Akkordarbeit in der Bekleidungsindustrie. Ihre Mutter arbeitet als Putzfrau, der Vater in einer Schuhfabrik. „Irgendwann entschied ich, mich selbstständig zu machen.“ Ihr Vater investiert in zwei Nähmaschinen und hilft beim Aufbau einer Schneiderei. Das war 1945. In New York lernt sie auch ihren Ehemann kennen. Am 23. Oktober 1947 heiratet sie Joseph Winter. „Er kam aus Stuttgart, hatte seine Familie in Auschwitz verloren.“

Leben in den USA

Das Ehepaar bekommt zwei Kinder: Sohn Randy ist heute 61 Jahre, Tochter Ruth 63 Jahre alt. Zwei Enkel und zwei Urenkel gehören inzwischen ebenfalls zur Familie. Seine Urenkel lernte Joseph Winter nicht mehr kennen: Er starb im Dezember 2003. Ursula Winter zog nach Chicago, in die Nähe ihrer Tochter.

Drei Mal hatten die Winters zuvor Hattingen besucht, zuletzt vor 15 Jahren. „Einmal gab es eine Holocaust-Ausstellung im Alten Rathaus“, erzählt Ursula Winter. Erst dort erfuhr sie, dass auch ihr Nachbar, der Metzger Karl Cahn, im Vernichtungslager umkam. „Wie konnte eine Nation wie Deutschland, bekannt für ihre Kultur, Musik, Kunst und Wissenschaft, nur so tief fallen?“, fragt Ursula Winter heute. Und vergibt: „Das Böse steckt in allen Menschen. Warum es in solch grausamer Weise zum Vorschein kam, ist schwer zu verstehen. Ich werde nicht vergessen. Aber ein Teil von mir wird der jüngeren Generation verzeihen.“

 
 

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