Von Stickern, Bremsern und Hunden

Der Nachbau eines „Hund“ genannten Kohlenwagens – Motiv des Sammel-Bildes zum Rauendahler Schiebeweg.
Der Nachbau eines „Hund“ genannten Kohlenwagens – Motiv des Sammel-Bildes zum Rauendahler Schiebeweg.
Foto: Privat
Ein Bildchen der Serie „Revier sammelt Revier“ erinnert an den Rauendahler Schiebeweg, Deutschlands erste Eisenbahn – wenn man die Lok nicht mitzählt, sondern nur die Bahn. Eine Dampflok, der berühmte „Adler“, schnaubte erst 48 Jahre später über die Strecke Nürnberg-Fürth.

Hattingen.. „Deutschlands erste Eisenbahn“ zählt ebenfalls zum Motiv-Bestand der „Revier sammelt Revier“-Sticker von Panini. Und, wundert sich niemand? Die erste Eisenbahn – fuhr die nicht von Nürnberg nach Fürth?

„Heute sehen wir beim Begriff Eisenbahn die Lokomotiven“, sagt Hattingens Stadtarchivar Thomas Weiß. Aber eigentlich sei die Eisen-Bahn nur der Weg. Und dieser erste Schienenweg in Deutschland führte seit 1787 – nur einen Spaziergang entfernt vom neuen Domizil des Stadtarchivs – auf die heutige Rauendahlstraße zu: Der Rauendahler Schiebeweg (den die Route der Industriekultur „Kohlenweg“ nennt) verband die Baaker Kohlengruben südlich von Bochum-Sundern mit dem Kohlenlager an der Ruhr: Dort, am heutigen Wasserwerk an der Stadtgrenze Bochum-Hattingen, steht auch der Nachbau eines Kohlenkarrens.

Industriespionage in England

„Hund“ (auch „Hunt“ geschrieben) hießen die hölzernen Schienenwagen mit den geschwungenen wuchtigen Bremshebeln. Denn von den Kleinzechen Nöckersbank und Dickebücherbank, Johann Friedrich und St. Matthias ging’s auf einer Streckenlänge von 1,6 Kilometern steil hangabwärts: Der Beruf des Bremsers war also schon vor der Dampflok erfunden – „ein bei diesem Gefälle sicher nicht ungefährlicher Job“, heißt es im Webportal zur Route der Industriekultur (dort auf der Themenroute 11 „Frühe Industrialisierung“). Schließlich waren auf dem Weg zum Fluss die hohen Karren voll mit Kohlen beladen.

Eine technische Pionierleistung waren im 18. Jahrhundert erst recht die gusseisernen Schienen selbst. Der preußische Bergrat Alexander von Eversmann hatte sich „bei Studien in England“ umgesehen. So vornehm umschreibt der Industriekultur-Text die Industriespionage während der letzten Regierungsjahre Friedrichs des Großen.

Die erst seit fünf Jahren bestehende Gutehoffnungshütte in Sterkrade (bis zur Gründung einer „Bürgermeisterei“ Oberhausen sollten noch 65 Jahre vergehen) baute eigens für den neuartigen Schienen-Auftrag einen Temperofen. Die Schienen wurden in Schiffen über die Ruhr geliefert. Auch der Fluss war erst seit kurzem überhaupt schiffbar. Vorher zerbröselte die Kohle bei jedem Umladen von Kahn zu Kahn.

Auf dem Weg flussabwärts passierte die preußische Kohle gleich fünf Kleinstaaten – und damit auch Zollgrenzen – ehe sie wieder im ebenfalls preußischen Herzogtum Kleve ankam: die Grafschaft Mark, die Stifte Essen und Werden, das Herzogtum Berg und die Herrschaft Broich.

48 Jahre vor der ersten Dampflok

Und die „Hunde“ genannten Kohlenwagen – das Motiv des Panini-Sammelstickers? Die leeren Karren wurden hangaufwärts von Pferden über den Schienen-/Schiebeweg gezogen. Bis zur ersten Dampflok auf Schienen sollten in Deutschland ja noch 48 Jahre vergehen.

 
 

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