Von Lachen und Leichen im Keller

Stefan Melneczuk. Foto: Udo Kreikenbohm
Stefan Melneczuk. Foto: Udo Kreikenbohm
Foto: WAZ

Hattingen..  Stefan Melneczuk aus Stüter legt mit „Rabenstadt“ seinen zweiten Roman vor. Ein humorvolles Gespräch mit dem Autor.

Schwarz ist der Rabe, düster seine Geschichten. Stefan Melneczuk gehört zu den Großen des Grusel-Genre. Aber auch sein Humor ist schwarz. Redakteur Michael Brandhoff führte mit ihm ein Gespräch mit Augenzwinkern.

Herr Melneczuk, Sie haben am Halloween-Tag 2010 Ihren 40. Geburtstag gefeiert – wie düster ist das Leben jenseits der 30?

Stefan Melneczuk: Als der Wind früher im Hügelland ums Haus heulte, sorgte das zur Geisterstunde stets für einen wohligen Schauer an der Schreibmaschine. Heute, mit 40, frage ich mich zuerst, wo meine Wärmflasche liegt und ob sich das Schriftbild am Laptop vielleicht noch etwas größer skalieren lässt.

Aber im Ernst: Glaubt man mit 20 noch, dass einem als Schriftsteller die Welt gehört, schleichen sich spätestens mit 30 die ersten Zweifel ein, wenn man sieht, welche Bücher es in die Bestseller-Listen schaffen. Mit 40 ruhe ich nun in mir selbst, was auch daran liegt, dass Verlage mittlerweile auf mich zukommen – und nicht umgekehrt: Mein Hattingen-Thriller „Marterpfahl“ wird im Herbst wegen anhaltender Nachfrage als Taschenbuch neu aufgelegt. Mit „Rabenstadt“ ist jetzt der zweite Roman am Start.

Düstere Zeiten sehen für einen Schriftsteller anders aus, in aller Bescheidenheit. So der liebe Gott einverstanden ist, fühle ich mich also auch noch mit 50 als Nachwuchs-Autor – dann aber mit Millionen-Auflagen.

Gibt es in Ihrem Leben auch helle Momente?

Seltsamerweise denken die Leute immer wieder, dass jemand, der unheimliche Geschichten und Krimis schreibt, in Zimmern ohne Fenster und Tageslicht aufgewachsen sein muss. Wer mich kennt, der weiß, dass ich durchaus auch Humor habe. Der ist zwar zuweilen rabenschwarz, aber immerhin. Das lebe ich bei Lesungen mit schrägen Storys aus. Ich gehe zum Lachen auch gerne mal in den Keller, selbst wenn da mittlerweile eine ganze Menge Leichen liegen. Ordentlich sortiert, versteht sich.

Sie leben im Hügelland, in Stüter. Kommen einem da automatisch morbide Gedanken in den Sinn?

Ganz im Gegenteil. Ich bereise meine Heimat gerne mit dem Mountainbike. Exakt 10,25 Kilometer Strecke, vorbei an Wäldern, Bergen und Windrädern, während sich die Flugzeuge auf dem Weg nach Düsseldorf durch den Abendhimmel schrauben, vorbei am Sender Langenberg mit seinen roten Positionslichtern - ein erhabenes Motiv. Wenn ich dann auch noch durch Gegenden fahre, in denen ich früher mit meinen Freunden unterwegs war, wird es richtig sentimental. Die perfekte Stimmung, um über neue Geschichten nachzudenken. Mir sind Leute suspekt, die keine Wurzeln haben und sich nicht zu ihnen bekennen.

Schaut denn ab und zu auch mal die Sonne über die Baumkronen?

Aber sicher doch. Und nicht nur ab und zu. Ein Lichtblick angesichts vieler schlechter Nachrichten, die schlimmer sind als jede Horror-Story. Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, den Fernseher nach den Tagesthemen draußen im Garten zu vergraben. Und mit ihm Sinnlosigkeiten wie den Krieg in Afghanistan. Manchmal frage ich mich, wo im Land der Schoßgebete eigentlich die unbe­quemen Schriftsteller geblieben sind. Themen gibt es genug. Dummheit und Linientreue leider auch. Ich versuche seit 1985, unbequem zu sein, im Rahmen meiner Möglichkeiten, mit dunkler Literatur. Aktuell in der „Rabenstadt“. Ein Buch mit Enter- und Widerhaken.

Nun sind Sie für „Rabenstadt“ vom Hügelland ins noch höhere Bergische Land weitergezogen. Warum?

Ich arbeite seit mittlerweile zehn Jahren in Wuppertal als Redakteur und hatte immer vor, das Bergische Land einmal für einen Roman zu nutzen. Aber es gibt auch Bezüge nach Hattingen und zum „Marterpfahl“. Wuppertal ist eine faszinierende Stadt und besteht eben nicht nur aus Einbahnstraßen und der Schwebebahn. Und sie liegt – vom Wodantal aus gesehen – vor meiner Haustür, mit Bergen und Wäldern. Wuppertal ist traurig und schön zugleich. Genau das mag ich.

Sagen Sie mit wenigen Worten, worum es in ihrem Thriller geht.

Um ein Mädchen an der Hundeleine, gefangen gehalten in einem Keller im Briller Viertel und auf dem Weg nach draußen, wenn es das Schicksal nur gut mit ihr meint. Und es geht um Abgründe. Um viele, viele Abgründe.

Für dieses Buch haben Sie einen anderen Stil gewählt, der Spannung verspricht: ein Ich-Erzähler mit direkter Ansprache zum Leser. Wie sind Sie darauf gekommen?

Ist der „Marterpfahl“ nach klassischem Erzählmuster gestrickt, geht es in der „Rabenstadt“ nun auf direkte Tauchfahrt durch eine dunkle Seele: Wir beobachten das Mädchen mit dem Halsband in seinem Gefängnis – allerdings nicht aus der Sicht des Täters, sondern aus anderen Augen, rückblickend und in Nahaufnahmen. Beklemmende Nähe schafft in diesem Fall nur ein „Ich“ – auch wenn mir das die unbequeme Frage einbringen wird, wieviel von mir selbst in diesem „Ich“ steckt. An dieser Stelle kann ich nur sagen, dass ich keinen konventionellen Ermittlerkrimi schreiben, sondern ganz nah ran wollte. Mit vollem Risiko. Ich werde mir mit der „Rabenstadt“ nicht nur Freunde machen.

Werden Sie dieses Buch auch in Hattingen und Sprockhövel präsentieren?

Ja, es wird in absehbarer Zeit wieder Lesungen geben, wenn man mich nur lässt – zumal ich ja seit Ewigkeiten nicht mehr in Hattingen am Start war.

Haben Sie schon ein neues Projekt, an dem Sie arbeiten?

Meine ersten Bücher „Schattenland“ und „Absurd“ sind inzwischen nicht mehr oder nur noch schwer lieferbar. In der Konsequenz daraus werde ich ihre Kurzgeschichten in einem Buch zusammenfassen, überarbeiten und auch mit neuen Kurzgeschichten versehen. Die Kurzform liegt mir sehr am Herzen – wie in meiner Halloween-Storysammlung „Geisterstunden“. Schade ist nur, dass diese Form in Deutschland nach wie vor vernachlässigt wird. Im Anhang der „Rabenstadt“ gibt es auch Kurzgeschichten – und mit ihnen eine zum 11. September. Und ich denke bei Kilometer 10.25 immer wieder über meinen dritten Roman nach. Die Story steht, ich brauche nur noch Zeit.


Herr Melneczuk, vielen Dank für das Gespräch.

 
 

EURE FAVORITEN

Warum sich die Polizei bei Fahndungen nicht direkt an die Öffentlichkeit wendet

Öffentlichkeitsfahndungen: Annika Koenig, Sprecherin der Polizei Essen, erklärt unter welchen Umständen die Polizei sich bei der Suche nach Tatverdächtigen oder Vermissten an die Bürger wendet.
Mi, 19.09.2018, 16.32 Uhr

Öffentlichkeitsfahndungen: Annika Koenig, Sprecherin der Polizei Essen, erklärt unter welchen Umständen die Polizei sich bei der Suche nach Tatverdächtigen oder Vermissten an die Bürger wendet.

Beschreibung anzeigen