U-Haft wegen Verdunkelungsgefahr

Foto: Kurt Michelis
Mann wegen Körperverletzung angeklagt: Zeugen sagen im Gerichtssaal plötzlich völlig anders aus als bei der Polizei. Richter ist sauer, Staatsanwalt will Verfahren wegen Falschaussage einleiten.

Hattingen..  „Ich glaube, ich spinne! Wir werden hier angelogen. Halten Sie uns für dumm? Es ist unfassbar, wie wir vorgeführt werden von Leuten, die unsere Sprache nicht sprechen“, platzt Johannes Kimmeskamp, Richter am Amtsgericht Hattingen, der Kragen. Er ordnet Untersuchungshaft wegen Verdunkelungsgefahr an für den Beschuldigten. Der wandert vom Gerichtssaal gleich in die Justizvollzugsanstalt Essen.

Zur Tat: Angeklagt ist der 1978 geborene S. wegen Körperverletzung gleich in zwei Fällen an zwei Tat­tagen. Im Sommer 2014 soll er laut Anklage an der Heinrich-Zille-Straße einen Mann mit der Faust gegen die Schulter geschlagen haben. Über den auf dem Boden Liegenden soll er sich gekniet, ihm das Messer an den Hals gehalten haben. Der zweite Geschädigte war sein eigener Vater, der zwar seine Enkel, aber nicht seinen Sohn in die Wohnung lassen, die Wohnungstür schließen wollte. Daraufhin soll S. ihn angegriffen, am Kopf verletzt haben.

Das erste Opfer habe seine Familie belästigt, so S., der den treu sorgenden Familienvater gibt. Nur mit Worten, nicht mit Taten will er gewarnt haben. Und das Opfer selbst spricht zwar von einem Schlag gegen die Schulter, will aber nichts mehr vom Messer wissen. Dabei hatte er davon zwei Mal bei der Polizei gesprochen. Was wahr sei, will Kimmeskamp wissen. „Alles 100 Prozent“, sagt er, obwohl er sich in gegensätzlichen Aussagen verstrickt. Er wolle S. nicht belasten. Das sei mit dessen Vater, der vom Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machte, abgesprochen. Trotz eindringlicher Ermahnungen, die Wahrheit zu sagen, bleibt der Zeuge bei seiner Einlassung. Der Staatsanwalt will ihn für seine Falschaussage belangen.

Selbiges droht der Ehefrau des Beschuldigten. Die hatte bei der Polizei ausgesagt, S. habe im Streit ihren Schwiegervater geschlagen, sie selbst sei oft Opfer von S.’ Gewalt gewesen, der 21 Einträge im Bundeszentralregister für die Zeit zwischen 2000 und 2013 hat. Gegenüber Kimmeskamp erklärt sie aber nun – übereinstimmend mit S. –, die Tür sei dem Geschädigten ins Gesicht geschlagen, weil eines ihrer Kinder sie mit dem Fahrrädchen aufgestoßen habe. Alle Polizisten, die nach dem Ereignis vor Ort waren, S. auch der elterlichen wie der eigenen Wohnung verwiesen hatten, konnten sich an die Version nicht erinnern. Die Untersuchungshaft scheint Kimmeskamp trotz des Einwandes des Verteidigers, dass S. seine gerade gefundene Arbeit verlieren würde, notwendig, damit bei Prozessfortsetzung am 11. Februar nicht „weitere eingeflüsterte Geschichten“ vorgetragen werden.

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