Stadtarchivar klärte über das Schicksal der letzten Hattinger Juden auf

Thomas Weiß. Foto: Svenja Hanusch / WAZ FotoPool
Thomas Weiß. Foto: Svenja Hanusch / WAZ FotoPool
Vor 70 Jahren wurden 15 jüdische Frauen, Männer und Kinder aus Hattingen ins Ghetto nach Zamosc abgeschoben. Stadtarchivar Thomas Weiß zeigte in einem erschütternden Dia-Vortrag Einblicke in ihr Leben.

Hattingen.. Säubern, räumen, ordnungsgemäß abtransportieren – doch hierbei handelt es sich nicht um den Frühjahrsputz, sondern um einen grauenvollen Umgang mit Menschen. 70 Jahre ist es her, da stiegen 15 Hattinger Jüdinnen und Juden in den „Todes-Zug“, der sie ins polnische Ghetto Zamosc brachte. Wer arbeiten konnte, überlebte etwas länger, aber sterben mussten alle. Schließlich wurden sie in Massengräbern verschart oder am Straßenrand liegen gelassen.

Stadtarchivar Thomas Weiß und die Volkshochschule erinnern mit einem Diavortrag an die Deportation der Juden. Im Alten Rathaus schütteln die Zuhörer über die erschreckende Wahrheit die Köpfe. Auch wenn man viele Grausamkeiten der Nazis aus Berichten kennt, ist es unfassbar schlimm, die Einzelschicksale von ehemaligen Bürgern unserer Stadt zu erfahren. Am Ende schweigen alle Besucher im Raum betroffen, während Fotos von den ermordeten Frauen und Männern auf der Leinwand erscheinen.

15 Hattinger Juden wurden im April 1942 deportiert

Thomas Weiß hat in Zusammenarbeit mit anderen Archivaren und Historikern lange recherchiert. „Zuvor wussten wir nicht, wo genau die Juden hingebracht wurden. Jetzt kann ich sagen, dass am 28. April 1942 die 15 Hattinger Juden am hellen Tag aus der Gewehrfabrik nahe Haus Stolle – wo sie zuvor leben mussten – abgeholt und nach Zamosc gebracht wurden“, erklärt Weiß. „Dort mussten sie arbeiten oder wurden aus Lust und Laune erschossen.“ Allerdings zeigt Weiß zunächst Fotos aus glücklichen Tagen: Eine jüdische Familie steht bei einem Hattinger Fest am Schützenstand; an der Ostsee laufen sie lachend am Strand entlang. „Die Juden waren nicht durch Andersartigkeit aufgefallen. Sie hatten keine Sprachprobleme, waren integrierte Bürger und stolz Hattinger zu sein. Das einzige, was sie unterschied: Sie gingen in die Synagoge und wurden auf einem jüdischen Friedhof begraben.“

1933 lebten nur noch 70 Juden in Hattingen

Thomas Weiß zeigt ein Dokument der Nazis, auf dem namentlich aufgelistet steht, wer im Geschäft des Juden Blume in Blankenstein einkaufte. Mit Kreisdiagrammen kennzeichnen Nazis Juden als „Volljuden, Halbjuden, Dreivierteljuden“ oder „jüdischer Mischling 2. Grades“. Thomas Weiß: „Es wurde die Meinung vertreten: Tierquäler gehören ins Gefängnis, aber Juden darf man ruhig mal prügeln.“

Für Zuhörerin Katharina Wirmsberger (17) ist das unvorstellbar. „Ich kann nicht verstehen, dass man Menschen so hassen kann, dass man sie umbringen möchte“, sagt die Schülerin entsetzt. Ein Glück für die, die es rechtzeitig schafften, ihre Heimat zu verlassen und ins ferne Ausland zu ziehen. „Bereits 1933 lebten in Hattingen rund 15 000 Einwohner, darunter aber nur noch 70 Juden“, informiert Thomas Weiß.

Und heute? Kann sich so etwas wiederholen? Noch lange klingen die vorgelesenen Worte einer Betroffenen nach: „Die Juden hier wurden alle vernichtet. Aber es ist ja völlig egal, welche Gruppe es ist, irgendeine wird man schon finden, so wie man uns gefunden hat.“

 

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