Pflege: EU will Abi-Pflicht

Krankenpflegerinnen dürfen keine Berührungsängste mit fremden Menschen haben.
Krankenpflegerinnen dürfen keine Berührungsängste mit fremden Menschen haben.
Foto: Christoph Wojtyczka / WAZ FotoPo
Im Interview spricht Silvia Ballein, Leiterin der der Krankenpflegeschule der Evangelischen Stiftung Augusta am Ev. Krankenhaus in Hattingen, über Empathie, die Vorteile der dualen Ausbildung und Abiturienten, die nicht zwangsläufig besser geeignet für Pflegeberufe sind als andere Bewerber.

Hattingen.  Wenn es nach der EU-Kommission geht, werden bald nur noch Abiturientinnen und Abiturienten zur Krankenpflegeausbildung zugelassen. Der Ausschuss für Beschäftigung und Soziales im Europäischen Parlament hat bereits grünes Licht für den Vorstoß gegeben. Anlass genug bei einer Expertin in Hattingen nachzufragen, ob diese Vorgabe in der Praxis sinnvoll ist. Silvia Ballein, Leiterin der Krankenpflegeschule der Evangelischen Stiftung Augusta am Ev. Krankenhaus in Hattingen, spricht im Interview über Empathie, die Vorteile der dualen Ausbildung und Abiturienten, die nicht zwangsläufig besser geeignet für Pflegeberufe sind als andere Bewerber.

Frau Ballein, welche Voraussetzungen sollte man erfüllen, um an Ihrer Schule mit der Ausbildung zu beginnen?

Silvia Ballein: Die gesetzlichen Voraussetzungen wurden zwar erst vor kurzem dahingehend geändert, dass ein Hauptschulabschluss ausreicht. Bei uns ist aber immer noch die Fachoberschulreife bzw. ein Realschulabschluss die Mindestvoraussetzung, außerdem ein Mindestalter von 18 Jahren.

Welche weiteren Voraussetzungen sollten angehende Krankenpflegerinnen und -pfleger mitbringen?

Auf jeden Fall Empathiefähigkeit. Man sollte sich in andere Menschen hineinversetzen können. Wichtig ist auch, keine Berührungsängste zu haben. Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger kommen fremden Menschen ja schon sehr nah. Kommunikation, aber das lernen unsere Auszubildenden auch in der unserer Schule. Denn viele sind noch sehr jung. Wir üben zum Beispiel in Rollenspielen Gesprächssituationen mit Patienten. Natürlich müssen unsere Schülerinnen und Schüler Zusammenhänge begreifen, denken können.

Haben Abiturienten Vorteile bei der Krankenpflegeausbildung?

Manche haben ein größeres Vorwissen, können einiges schon, weil sie das zum Beispiel im Bio-Leistungskurs gelernt haben. Das ist dann vielleicht in einigen Unterrichtsstunden ein Vorteil. Insgesamt gibt es aber 2200 Stunden Theorie in drei Jahren Ausbildung. Man kann jedenfalls nicht sagen, dass Abiturienten für die Krankenpflegeausbildung per se besser geeignet sind.

Was halten Sie von den neuen Pflegestudiengängen? Ist eine studierte Krankenschwester die bessere Pflegekraft?

Zunächst finde ich, dass vieles in Deutschland im Dualen System sehr gut läuft. Ein Vorteil für unsere Schülerinnen und Schüler ist etwa die direkte Anbindung an die Kliniken in Bochum und Hattingen und dass wir direkten Kontakt zum Pflegepersonal auf den Stationen haben. Natürlich unterrichten wir Lehrkräfte in der Krankenpflegeschule auch nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Was der Bachelor-Abschluss in Pflege für die zukünftigen Absolventen bringen wird, kann ich persönlich noch nicht einschätzen. Weder gibt es andere Arbeitsplätze, noch eine bessere Vergütung, als sie die traditionell ausgebildeten Pflegekräfte erhalten. Es bleibt jedoch zu hoffen, dass die Pflegekräfte mit dem Bachelortitel auch „am Patientenbett“ arbeiten.

Gibt es viele angehende Krankenschwestern, die erst auf der Station merken, dass es der falsche Beruf für sie ist?

Das passiert ganz selten einmal. Wir versuchen natürlich schon im Bewerbungsverfahren die geeigneten Auszubildenden herauszufinden. Dabei geht es nicht nur um Noten, sondern auch um die Persönlichkeit, die soziale Kompetenz und die bisherige Biografie. Bereits in den ersten acht Wochen der Ausbildung, die aus einem Theorieblock bestehen, gibt es auch viele praktische Übungen in der Schule – an Patientenpuppen oder an den Mitschülern. Und dann beginnt auch schon der erste praktische Einsatz, der sechs bis sieben Wochen dauert. Die Probezeit dauert insgesamt sechs Monate und ist auch dazu da, dass die Schüler selbst erkennen, ob der Beruf der richtige für sie ist.

Ist der Beruf der Krankenschwester denn heute noch attraktiv?

Ja, der Beruf als solcher ist auf jeden Fall noch attraktiv. Ich habe selbst 17 Jahre in der Pflege gearbeitet und meine Arbeit gern gemacht. Allerdings sind die Arbeitsbedingungen aktuell nicht immer so günstig. Ein Krankenhaus bekommt heute nur noch eine Pauschale für die Behandlung eines Patienten, etwa für eine OP, egal wie lange er auf der Station liegt. Seitdem haben sich die Liegezeiten sehr reduziert. Für das Pflegepersonal bedeutet das, dass es sich in kürzerer Zeit um viel mehr Patienten kümmern muss. Aber es ist nach wie vor ein Beruf, der anspruchsvoll ist und einen zufrieden macht. Und es ist ein Beruf mit Zukunft. Unsere Absolventen bekommen nach drei Jahren Ausbildung in der Regel alle eine Stelle.

 
 

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