Mit der Pfeife ganz nach oben

Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Günther Risse. Foto: Svenja Hanusch / WAZ FotoPool
Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Günther Risse. Foto: Svenja Hanusch / WAZ FotoPool
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Ex-Schiedsrichter Günther Risse (75) pfiff in den 1970er Jahren für 72 Mark pro Spiel in der Fußball-Bundesliga.

Hattingen..  Günther Risse war in den 1970er und -80er Jahren einer der besten deutschen Fußball-Schiedsrichter. Er leitete 56 Spiele in der 1. Fußball-Bundesliga. Und noch immer betreut der 75-Jährige aus der Südstadt Schiedsrichter von internationalen Begegnungen in Westfalen, zum Beispiel in der Champions League.

Risse ist ein Aushängeschild der Schiedsrichterzunft, aber es gab auch eine Karriere vor der Karriere: Risse war selbst ein sehr guter Fußballer, bevor er zur Pfeife griff, und das ist selten bei Schiedsrichtern. Nachdem Schwarz-Weiß Essen im Jahr 1959 den DFB-Pokal gewonnen hatte, wechselte er als Torwart an den Uhlenkrug. „Ich war einer, der dahin ging, wo es weh tut“, erzählt Risse. Das war zu viel für den Körper, wegen seiner Verletzungen musste er kürzertreten, wechselte 1961 zum TuS Hattingen, nachdem er schon 1959 in die Ruhrstadt gezogen war. Zu dieser Zeit hatte ihn die zweite Leidenschaft schon gepackt: die Schiedsrichterei.

„1954 bei der WM haben mich die englischen Schiedsrichter beeindruckt“, erinnert er sich. „Das waren Persönlichkeiten.“

Also hatte Günther Risse seinen Schiedsrichterschein gemacht und neben seiner Spielerkarriere immer auch gepfiffen. Als er merkte, dass es aufwärts ging für ihn in der Schiedsrichterei, da nahm er Abschied vom Spielen.

Aufwärts ging es an der Pfeife und sehr hoch – aber langsam. „Man konnte damals immer nur alle zwei Jahre aufsteigen.“ Risse trainierte hart, fast jeden Tag lief er im Schulenbergwald oder am Wildhagen. Weil er selbstständig war, habe er das einrichten können, so der gelernte Schneidermeister.

Die Arbeit zahlte sich aus: Ab der Saison 1970/71 leitete er zunächst Partien der Regionalliga (damals die zweithöchste Spielklasse) , seit 1976 im Oberhaus. An das erste Spiel kann er sich noch erinnern, weil Erich Riedl, Präsident des TSV 1860 München, sich im Vorfeld des Spiels gegen Hertha BSC Berlin beklagte, Risse sei der dritte Schiri-Neuling nacheinander, der eine Begegnung der Löwen pfeife. „Nach dem Spiel kam Riedl zu mir und hat sich für die gute Leistung bedankt“, erzählt Günther Risse. „Ich habe gesagt: So pfeifen Neulinge.“

Er hat sie alle gepfiffen, die Rang und Namen hatten: die Bayern mit Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier zum Beispiel. Auch andere Superstars, die sich manchmal über ihn ärgerten: „Ich hatte es nicht so mit Fußballer-Namen.“ Wenn Risse also eine Karte zeigen musste, dann fragte er eben nach dem Namen. Kölns Wolfgang Overath, gerade als Präsident des FC zurückgetreten, habe das nicht so lustig gefunden, sagt Risse mit einem Lachen. Schließlich war der Spielmacher Weltmeister von 1974.

Zu Risses Zeit erhielten die Schiedsrichter für ein Bundesligaspiel 72 Mark. Heute, sagt Risse, sind es 3800 Euro. „Das ist schon ein ordentliches Salär.“ Neid schwingt bei ihm aber nicht mit. „Die Schiedsrichterei ein echter Leistungssport geworden, und der Druck ist enorm hoch.“

1985 musste Günther Risse wegen einer Knieverletzung aufhören zu pfeifen, aber die Schiedsrichterei ließ ihn nicht los. So war er ein Mentor für Hellmut Krug, einen der besten Pfeifenmänner der 1990er Jahre. „Ich habe alle seine 240 Bundesliga-Spiele mit ihm durchgekaut“, sagt Risse. Denn auch die Schiedsrichter betreiben schon lange eine Video-Analyse ihrer Spiele.

Bis heute verbringt Günther Risse seine Wochenende im Stadion. „Ich gehe hauptsächlich wegen der Schiedsrichter, das Spiel an sich ist für mich weniger wichtig.“

Das gilt auch für Partien in der Champions League, in der er bis heute dafür zuständig ist, ausländische Schiedsrichter während ihres Aufenthalts zu betreuen. In Dortmund zum Beispiel. Das sei bisweilen sehr anstrengend, sagt Risse. „Aber es hält frisch.“

 
 

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