Menschen kommen, sterben, werden abgeholt

Foto: Svenja Hanusch / WAZ FotoPool
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Begegnungen mit Menschen am Ende des Lebens: Florentine Degen las in der Stadtbibliothek über ihr Jahr in einem Hospiz.

Hattingen..  Angst vor dem Tod hat sie nicht, deshalb half Florentine Degen nach ihrem Abitur im Freiwilligen Sozialen Jahr in einem Sterbehospiz. Über die schicksalhaften Erlebnisse sprach die mittlerweile 22-Jährige in der Stadtbibliothek. Sie las dabei aus ihrem ersten Buch: „Ich könnte das nicht. Mein Jahr im Hospiz.“

Florentine Degen spricht selbstsicher, lacht zwischendurch laut und blickt den Zuschauern tief und direkt in die Augen. Sie berichtet humorvoll und kritisch über Tabuthemen, über Ekel, befürwortet die Sterbehilfe. Sie beginnt mit ihrem ersten Tag im Hospiz, als sie zusieht, wie die Schwester einer etwa 50-jährigen Frau die Windel öffnet und ruft: „Oh, da ist aber einiges gekommen – wunderbar.“ Florentine Degen denkt: „Das könnte auch Mama sein.“ Offen spricht sie über ihre Gefühle. „Vieles an kranken Menschen ist ekelig, ihre Wunden, ihre Windeln. Wenn mich Ekel befällt, will ich weg. Aber von diesen Menschen will ich nicht weg, und ihre Wunden gehören zu ihnen, das ist schlimm.“

Die meisten der rund sechzig Zuhörer sind Frauen, darunter mehrere Hospiz-Mitarbeiterinnen. Sie blicken zu Boden, lachen an sarkastischen Stellen, verziehen auch schon mal die Augenbrauen: Sie finden es unverantwortlich, dass Florentine Degen keine gute Einführung und Begleitung im Hospiz bekam. Bewegend ist die Szene, in der e Degen einen 93-jährigen Mann kennenlernt. „Er zwinkert jedem zu, der den Raum betritt und sieht fern, mehr kann er nicht“, liest die Autorin vor. Der Mann erzählt, dass er früher ein großer Turner war, „ein wilder Bursche“. Jetzt ist er „ein runzeliger, von Altersflecken übersäter Körper, der sich nicht drehen kann und doch gerade erst ein junger Bursche war.“

Ein anderer Mann ruft im Hospiz laut: „Hallo, lasst uns alle fröhlich sein.“ Ein dritter wird hysterisch: „Ich will wissen, was mit mir los ist!“ In der Nacht muss er sich die Infusion herausgezogen und den Boden in seinem Zimmer verdreckt haben. Daran erinnern kann er sich nicht. „Am härtesten für mich war es mitzubekommen, dass Menschen mit klarem Verstand ins Hospiz kommen und nach und nach ihren Verstand verlieren.“ Als sie ihren ersten Toten sieht, ist sie verblüfft, wie wenig sie dieser Anblick beeindruckt. Doch als ein Mann die Hand seiner sterbenden Tochter hält, da ergreift es sie. „Ich spürte es“, sagt sie, „das erste Mal dieses Gefühl: Es fehlt etwas.“ Dann spricht sie weiter: „Ich weine, während ich das schreibe. Die Menschen kommen, sterben, werden abgeholt.“ Doch Florentine Degen hat keine Angst vor dem Tod. „Wenn ein Säugling zur Welt kommt, dann gibt es ein Sachen, die ganz natürlich ist: Es wird irgendwann sterben. Der Tod ist das Normalste auf der Welt, dagegen ist ein Buch schon ein Wunder.“ Heute studiert die 22-Jährige in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Ihr Jahr im Hospiz vergisst sie nicht. Und sie hat gelernt: „Man kann Menschen lieben und sie auch gehen lassen.“

 
 

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