Mehr als ein Mittagessen

Ihr Mittagstisch im Bistro 31: Hermann Dirkes, Eduard Ruhrländer, Helmut Kassner und Kurt Jäger (v.l.).  Foto: Svenja Hanusch / WAZ FotoPool
Ihr Mittagstisch im Bistro 31: Hermann Dirkes, Eduard Ruhrländer, Helmut Kassner und Kurt Jäger (v.l.). Foto: Svenja Hanusch / WAZ FotoPool
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Hattingen.  Im Bistro 31 in Niederwenigern speisen Ärzte, Schwestern und Nachbarn – unter ihnen „drei Witwer und ein Zölibatärer“.

„Drei Witwer und ein Zölibatärer”, so beschreibt Helmut Kassner (83) ihre Gemeinschaft. Es sind vier Nachbarn, die sich im Bistro 31 treffen, darunter der Pfarrer im Unruhestand, wie Helmut Kassner sich selbst nennt. Das Bistro liegt direkt am St.-Elisabeth-Krankenhaus, wird von der Küche beliefert und ist für alle geöffnet: täglich – außer samstags.

So oft kommen auch die vier Männer. Sie diskutieren immer zuerst über das Tagesgeschehen. Dann tauschen sie Neuigkeiten aus dem Dorf aus. Dabei essen sie an diesem Tag Lachs, Kartoffeln und Spinat. Kurt Jäger (89) lobt das Essen: „Es schmeckt immer hervorragend”. Doch er kommt nicht nur wegen des guten Essens. Seit zwei Jahren trifft er sich mit drei weiteren Gästen, die für ihn inzwischen mehr als Tischnachbarn geworden sind: „Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis.” Diese Gemeinschaft ist ihnen wichtig. Sie lachen viel miteinander, erinnern sich, teilen ihre Sorgen. „Die eigenen Wehwehchen”, sagt der Pfarrer.

Helmut Kassner hatte 34 Jahre lang eine Haushaltshilfe. „Dann wurde ich 70 und sie 72. Sie ging zurück in ihre Heimat ins Sauerland”, erzählt er. Für viele sei das Bistro 31 eine echte Anlaufstelle geworden.

An den anderen Tischen essen Ärzte, Schwestern, Nachbarn. Elke Hasselkus reicht das Essen über die Theke an. Die vier Männer sitzen immer am gleichen Tisch in der Mitte, jeder auf seinem Platz. „Wir verjagen aber niemanden”, sagt Eduard Ruhrländer scherzend. Der 86-Jährige kommt mit dem Auto von zu Hause, wo gleich nebenan sein Sohn mit Frau und den beiden Enkeltöchtern wohnt. Sie kochen aber erst abends, weil auch seine Schwiegertochter berufstätig ist. Der andere Sohn lebt mit seiner Familie in Neuseeland.

Eduard Ruhrländer hat nach dem Krieg als Hammerführer bei Ruhrstahl auf der Hütte gearbeitet. Manchmal sprechen sie beim Mittagessen über die alten Zeiten. „Wir fragen auch den Herrn Pastor, wer gestorben ist”, sagt Kurt Jäger. Er war als Elektriker im Gemeinschaftswerk tätig. Nach Hattingen kam er wegen seiner großen Liebe. Der gebürtige Thüringer zog 1938 zunächst nach Hagen: „Dann habe ich hier ein nettes Frauchen kennengelernt.” 63 Jahre waren sie verheiratet. Seit vier Jahren ist er Witwer. „Wir trauern unseren Frauen jeden Tag nach”, sagt er leise. Es gibt keinen Tag, an dem sein Hin- oder Rückweg vom Bistro ihn nicht auf den Friedhof führt.

Dort haben sich Eduard Rheinländer und Hermann Dirkes (83) zum ersten Mal getroffen. „Die Gräber unserer Frauen liegen nebeneinander.” Die Männer kamen ins Gespräch über dies und das. Und über das Essen. Sie bekamen es bis dahin nach Hause geliefert – und aßen allein. „Man muss Kontakt halten”, sagt Hermann Dirkes. Das sei wichtig, damit man nicht unter die Räder komme.

Der Gärtnermeister zog vor viereinhalb Jahren mit seiner Frau nach Niederwenigern. Seit dreieinhalb Jahren ist er Witwer und dankbar für die Männer-Runde. Dass dann noch der Pfarrer zu ihnen gestoßen sei, das sei ein wahrer Glücksfall, sagt Eduard Rheinländer. Der Geistliche ist Ansprechpartner, wenn es um Kirche oder Religiöses geht. Vergisst aber einer der Herren sein Tischgebet, kann sich der Pfarrer entspannt zurücklehnen: „Herr Ruhrländer passt genau auf”, sagt Helmut Kassner. Zudem sei der charmant und hilfsbereit, lobt er, während Eduard Ruhrländer einer Dame in den Mantel hilft. Mit einer anderen hat er sich kürzlich getroffen. Kennengelernt hat er sie im Krieg, als er bei ihrer Mutter im Nettetal einquartiert gewesen ist. Damals war sie 14, beim Wiedersehen 82 Jahre alt. Er hat sie ins Bistro 31 zum Kaffeetrinken eingeladen.

Manchmal bleiben die Vier auch beim Kaffee zusammen. An diesem Tag bricht der Pfarrer als erster auf. Sie treffen sich ja wieder.

In diesem Jahr sieht Eduard Ruhrländer auch seine Enkelsöhne aus Neuseeland. Sie kommen mit ihren Eltern nach Niederwenigern. Der 86-Jährige will sie natürlich ins Bistro 31 mitnehmen. Dann brauchen sie aber einen Tisch für fünf: „Ich habe mich schon umgeschaut, wo wir sitzen können.”

 
 

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