König der Metaller

Foto: WAZ FotoPool

Hattingen..  Otto König hat nach 30 Jahren als Bevollmächtigter der IG Metall heute seinen letzten Arbeitstag.

Die Mädchen und Jungen im Zirkuszelt haben ihn bewegt. Es war am Wildhagen, wo Artisten eine Solidaritätsveranstaltung für den Nachwuchs der Hüttenarbeiter gaben. „Die Kinder wussten nichts von unserem Arbeitskampf“, sagt Otto König, erster Bevollmächtigter der IG Metall Gevelsberg-Hattingen. Ihm wurde klar: „Wir kämpfen, weil die Kinder eine Zukunft brauchen.“ Um Arbeitsplätze hat Otto König 30 Jahre lang in Hattingen gerungen – nun verlässt er die Manege. Heute ist sein letzter Arbeitstag.

An seinem ersten arbeitete er noch „mit den Händen“. Als Auszubildender zum Fernmeldemonteur folgte „automatisch“ der erste Kontakt mit der IG Metall. Mit 16 wurde er Jugendvertreter. Heute wie damals lautet sein Argument pro Gewerkschaft: „In der Gemeinschaft ist man stärker und durchsetzungsfähiger“. Apropos damals: Monteur König gründete gleich bei seinem ersten Arbeitgeber einen Betriebsrat.

1971 wechselte er hauptamtlich zur IG Metall ins Bildungszentrum Sprockhövel und privat ins Ruhrgebiet. Bis heute ist Hattingen das Zuhause des „Pfälzer Kindes“. Neun Jahre bildete er als pädagogischer Mitarbeiter Funktionäre und Betriebsräte aus, bevor er 1980 erster Bevollmächtigter der IG Metall Hattingen wurde. Das blieb er bis 2000. Machte weiter in gleicher Position der zusammengelegten IG Metall Gevelsberg-Hattingen.

Der Strukturwandel prägte seine Tätigkeit. „Es ging sofort volle Lotte los“. Bei Mönninghoff ging es um 800 Arbeitsplätze. „Und nicht mehr nur um Sozialpläne“, sagt König. Sondern vielmehr darum, Alternativen zu entwickeln und Ersatzarbeitsplätze zu schaffen. So auch bei der Auseinandersetzung mit Thyssen Krupp um die Hütte.

Böses schwante da allen, als 1986 die notwendigen Investitionen für die Hochöfen platzten. 19. Februar 1987 – der schwarze Donnerstag. 2900 Arbeitsplätze sollten abgebaut – Menschen erstmals entlassen werden. An zwölf Monate Arbeitskampf und bis zu 30 000 Menschen auf der Straße erinnert sich König noch gut. Immer wieder mussten sie sich Neues einfallen lassen, um Öffentlichkeit zu bekommen. Etwas, das bei Königs letztem Kampf um O&K Antriebstechnik ganz selbstverständlich wirkte.

O&K ist in Hattingen geblieben, die Hütte haben sie nicht erhalten können. König: „Unsere Auseinandersetzungen hatten aber Zukunftsinitiativen des Landes für die Montanindustrie zur Folge.“ Auch zu Entwicklungen auf dem heutigen Hüttengelände haben die Auseinandersetzungen beigetragen, die heftig und laut waren. Gar mit Hausverbot auf der Hütte für König endeten.

Dort vor dem Werkstor erlebte er 1987 einen Moment, den er nie vergessen wird. 1000 Menschen warten auf die Entscheidung. Der Betriebsratsvorsitzende ist nicht in der Lage, das Aus mitzuteilen. „Dann macht man es eben selbst“, erzählt König, wie er das Wort ergreift. Männer und Frauen weinen hemmungslos. Er wäre am liebsten allein und bekommt stattdessen ein Mikro unter die Nase gehalten.

Dabei dürfe man nicht immer alles an sich heranlassen, denn es kommen oft Menschen mit ihren Sorgen. Da habe er einiges mitgeschleppt, „aber immer gut einschlafen können“. Mit seiner Frau habe er viel gesprochen, beim Joggen gut abschalten können.

Seiner Nachfolgerin bei der IG Metall, Clarissa Bader, wünscht König mehr Zeit für die Gestaltung von Arbeitsplätzen, weniger Arbeitskampf. Er sei von einem zum nächsten geschliddert. Welche Eigenschaften dabei wichtig sind: zuhören können und Orientierung geben. Vorweg gehen und dabei immer schauen, ob die Menschen folgen.

Seine Freunde will Otto König jetzt in seiner Freizeit öfter besuchen. Heilfroh sei er, nun der Sklaverei des Terminkalenders zu entkommen. Mit seiner Frau plant er Städtereisen. Morgen an seinem ersten freien Tag geht er erstmal joggen. Dann ist er zu einer Einweihungsfeier eingeladen: ins IG Metall Bildungszentrum.

 
 

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