Jüdisches Leben in der Stadt

Mathilde Löwenstein, Bacia Markus, Mathilde Mühlhaus, Karl und Amalie Cahn mit gheschulterten Rucksäcken auf dem Weg zum Bahnhof bei der Räumung ihrer Wohnung im Hattinger Judenghetto am 28. April 1942.
Mathilde Löwenstein, Bacia Markus, Mathilde Mühlhaus, Karl und Amalie Cahn mit gheschulterten Rucksäcken auf dem Weg zum Bahnhof bei der Räumung ihrer Wohnung im Hattinger Judenghetto am 28. April 1942.
Foto: WAZ FotoPool
Die wechselvolle Geschichte vom Bau der Synagoge bis zur Deportation durch die Nazis

Hattingen..  Am 13. September 1872 wurde die Hattinger Synagoge an der Bahnhofstraße festlich eingeweiht. Mit Konzerten und Bällen im Westfälischen Hof feierte der 1856 gegründete Synagogenbezirk Hattingen das Geschenk des vermögenden Hattinger Juden Liefmann Gumperz. Zuvor stand der Gemeinde lediglich ein angemieteter Betsaal an der Großen Weilstraße 13 zur Verfügung.

Zwar wahrten die Hattinger Juden ihre religiöse Identität, engagierten sich aber genauso im gesellschaftlichen Leben der Stadt. Heinemann Hein wurde im Jahr 1868 zum ersten Stadtverordneten gewählt. Das tolerante Zusammenleben ließ die jüdische Bevölkerung 1880 auf 147 Mitbürger anwachsen.

Vier Jahre später schlossen sich Hattinger Antisemiten zum „Deutschen-Reform-Verein“ zusammen. Ihren hetzerischen Parolen bot die Hattinger Presse noch keine Plattform, berichtete distanziert oder entrüstet. Bis zum Ersten Weltkrieg wuchs die Zahl Hattinger Juden auf 162 an, nach dem Krieg sank die Zahl stetig. Immer öfter wurden Juden diffamiert.

Kontakte zu Führungskreisen

Am 12. Mai 1921 wurde in Hattingen eine Ortsgruppe der Deutsch-Sozialistischen-Bewegung (DSB) gegründet, die ein Jahr später in die NSDAP eintrat. Hattinger Nationalsozialisten hatten hervorragende Kontakte zu höchsten Führungskreisen: so zum Chefideologen Joseph Goebbels. Ernst Arnold, damaliger Direktor der Henrichshütte, war mit ihm befreundet. Adolf Hitler sprach in den Jahren 1926/27 viermal in Hattingen vor Anhängern.

Die Stadt gilt als frühe Hochburg des Nationalsozialismus im Ruhrgebiet. Die Diffamierung von Juden und die antisemitischen Angriffe nahmen zu, soziale Spannungen wurden aufgebaut. Inzwischen berichtete auch die Presse.

Noch immer distanzierte sich die Mehrzahl Hattinger Bürger von antijüdischer Hetze. Die jüdische Gemeinde blieb integriert. Dennoch sank die Zahl jüdischer Bürger in Hattingen bis 1933 auf 70 Personen. Schon kurze Zeit nach der Machtergreifung Hitlers im Januar kam es zu ersten Ausschreitungen der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte. Schaufenster wurden mit Parolen beschmiert, Kunden beim Betreten behindert.

Geplündert und geschändet

Die Hattinger Stadtverordnetenversammlung – inzwischen zu 50 Prozent aus NSDAP-Mitgliedern bestehend – beschließt, keine Aufträge an jüdische Geschäfte zu vergeben. Juden werden aus dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben verdrängt.

Mit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 schufen die Nationalsozialisten ein menschenverachtendes Sonderrecht für Juden und legalisierten deren Unterdrückung. Zur Definition von Juden wurden Einteilungen in „Voll-, Dreiviertel, Halb- und Vierteljuden“ entwickelt.

Trotz aller Schwierigkeiten wurde das jüdische Gemeindeleben in Hattingen aufrecht erhalten. Die wirtschaftliche Lage der Hattinger Juden verschlechterte sich bis 1938 immens. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten NS-Schergen die Synagoge nieder, schändeten die jüdischen Friedhöfe und plünderten jüdische Geschäfte und Wohnungen. Rund vier Wochen später gingen nahezu alle jüdischen Geschäfte und Wohnhäuser im Zuge der „Arisierung“ in deutschen Besitz über, vor allem in den von verdienten Parteigenossen. Bis zum Ende des Jahres war den Hattinger Juden jegliche Wirtschaftsgrundlage genommen worden. Am 4. März 1939 verkündete die Zeitung „Heimat am Mittag“ fälschlicherweise: „Hattingen ist judenfrei.“

 
 

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