Ihm fehlte nur eine Zehntelsekunde

Der Hattinger Karl-Heinz Ruthenbeck (rechts) gemeinsam mit seinem Partner Günter Sievering, mit dem er im Jahr 1936 zum deutschen Olympia-Kader gehörte.
Der Hattinger Karl-Heinz Ruthenbeck (rechts) gemeinsam mit seinem Partner Günter Sievering, mit dem er im Jahr 1936 zum deutschen Olympia-Kader gehörte.
Foto: WAZ FotoPool
Karl-Heinz Ruthenbeck gehörte 1936 zum deutschen Olympia-Kader in Berlin.

Hattingen.  Hattingen hat nicht viele Olympia-Teilnehmer hervorgebracht, einer ist sogar weitgehend unbekannt: Karl-Heinz Ruthenbeck stand im Jahr 1936 in Berlin als Ersatzmann im Zweier-Kanadier im deutschen Olympia-Kader – zum Einsatz kam er leider nicht.

Eine Spur von Ruthenbeck findet sich im Überblickswerk „Olympia-Teilnehmer in Westfalen“, in dem über ihn zu lesen ist: „Geboren am 21.06.1917 in Hattingen.“ In Berlin war er Ersatzmann im Zweier-Kanadier über 1000 Meter, als Verein ist der Kanu-Club Linden-Dahlhausen angegeben. Und tatsächlich: Der heutige Vorsitzende des KC, Ralf Höfgen, hat viel Material über Ruthenbeck, aus dem sich ein kleiner Teil der (Olympia-)Geschichte dieses Mannes rekonstruieren lässt. „Karl-Heinz Ruthenbeck war der erste Olympia-Teilnehmer unseres Vereins“, sagt Höfgen.

Ruthenbeck, so steht es in „Olympia-Teilnehmer in Westfalen“, ist von Beruf Hilfsarbeiter, Maler- und Anstreichergeselle gewesen. „Sie werden hiermit zu dem vom 24.4. bis 27.4.35 in Hamburg stattfindenden Olympia-Vorbereitungslehrgang einberufen“, befiehlt dem zu diesem Zeitpunkt 17-Jährigen am 15. April 1935 der „Verbandsführer“ des Deutschen Kanu-Verbandes, Dr. Eckert.

Die Spiele sollten nach Hitlers Willen der Welt die deutsche Kraft und Überlegenheit demonstrieren, da mussten auch die Sportler spuren. Eine vor diesem Hintergrund banale Randnotiz: Mitzubringen seien neben Sportkleidung auch Musikinstrumente wie zum Beispiel eine Mundharmonika.

Ob Ruthenbeck ein Instrument eingepackt hat, ist nicht überliefert. Bekannt ist indes, dass er und sein Partner Günter Severing, am Ende nicht die erste Wahl bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin wurden, obwohl sie sich darauf Hoffnungen machen ­durften.

„Im entscheidenden Rennen, bei den Deutschen Meisterschaften, verließ sie das Glück“, heißt es in der Vereinschronik des Kanu-Clubs zum Jahr 1936. Ruthenbeck und Severing seien durch mehrere Bahnen getrennt von ihren Hauptkonkurrenten gewesen. „Im Ziel wähnten sie sich als Deutsche Meister und Olympiateilnehmer. Groß war dann die Enttäuschung, als sie erfuhren, dass sie nur Zweite geworden waren.“ Eine Zehntelsekunde hat ihnen zum Sieg gefehlt.

Trotzdem reisten die beiden Wassersportler nach Berlin, wo sie als Ersatzleute an den Olympischen Spielen teilnahmen, „jeden Augenblick bereit, für unsere Kameraden im Falle des Versagens einzuspringen“, wie Ruthenbeck im Buch „Fackelträger des Sports“ selbst martialisch schreibt.

Auch wenn der Wettkampf fehlte, so absolvierten er wenigstens das Rahmenprogramm: Auch Ruthenbecks Eintrittskarte zum Abschiedsessen der Olympia-Teilnehmer in der Deutschlandhalle am 16. August 1936 befindet sich noch in Ralf Höfgens Unterlagen.

Noch im Jahr 1936 wurde Karl-Heinz Ruthenbeck zum Heeresdienst eingezogen, weshalb man ihn und andere beim Kanu-Club mit einer Feier verabschiedete. 1939, so schrieb 1986 die WAZ-Stadtteil-Zeitung Linden-Dahlhausen und Weitmar, wurde Ruthenbeck von Königsberg aus näher an die Heimat verlegt, um sich auf die Olympischen Spiele 1940 vorzubereiten (die später wegen des Zweiten Weltkrieges abgesagt wurden). Ruthenbeck sei im Krieg schwer verwundet worden, aber nachdem das Grauen vorüber war, habe er weiter Sport getrieben, steht in der Bochumer Zeitung: „Er spielte Tennis, war Turnierreiter und fuhr schwere Motorräder.“ 1983 ist Karl-Heinz Ruthenbeck verstorben.

 
 

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