Heiratsanträge und Strohdächer

Eva Spiekermann (22) in Mosambik: Dieses Foto zeigt, wie sie mit Mussiro (ein spezieller Hautschmuck zu Festtagen) eingecremt wird.
Eva Spiekermann (22) in Mosambik: Dieses Foto zeigt, wie sie mit Mussiro (ein spezieller Hautschmuck zu Festtagen) eingecremt wird.
Foto: Privat
Vier Monate lebte Eva Spiekermann wie in einer anderen Welt: Im afrikanischen Mosambik gewann sie viele neue Eindrücke.

Hattingen..  Überrascht war Eva Spiekermann bei der Ankunft in Nampula im Norden Mosambiks: Sie wollte sich in der afrikanischen Stadt um Kinder im Kulturzentrum kümmern – aber Kinder waren keine da.

Die 22-Jährige hatte sich ein Jahr zuvor bei dem ASA-Programm für das Praktikum beworben. „Da wurde das Kulturzentrum von einer italienischen Nicht-Regierungs-Organisation unterstützt, dann wechselte die Leitung und es wurde nicht mehr in das Kulturzentrum in Nampula investiert.“ Eva Spiekermann stand plötzlich in einem leeren Raum. Mit einer anderen deutschen Studentin suchte sie Schulen auf, fragte in Waisenheimen und einer Psychiatrie, ob sie mitarbeiten könnten. Da es keine Kunstmaterialien gab, holten sie Pappe aus dem Müll, fragten beim Schneider nach Stoffresten und mischten Farbe aus Erde und Eiern.

Dann kümmerten sie sich jeden Tag um andere Kinder, spielten mit ihnen Theater, dachten sich Superhelden aus, die sie malten. „Die Kinder waren sehr aufgeschlossen; sie kennen es dort nicht, ihre Freizeit zu gestalten. In Nampula gibt es kaum kulturelle Angebote“, bedauert Eva Spiekermann, „nach der Schule treffen sich die Kinder in Innenhöfen und basteln sich aus Dosen und alten Rädern Autos.“

Das Leben in der Stadt unterscheidet sich von dem auf dem Land. „Auf dem Land wohnen die Menschen in Lehmhütten mit Strohdächern, in der Stadt heißen die ärmeren Viertel Bairros, dort gibt es Häuser aus Beton mit Wellblechdächern. Straßen gibt es nicht, fast keine Kanalisation, alles läuft in den Fluss.“

Am Rand eines solchen Viertels wohnte Eva Spiekermann. Im Innenhof teilten sich mehrere Familien einen Wasserhahn. „Wir haben Wasser in Eimer gefüllt und uns in unserem Haus damit gewaschen oder Essen gekocht.“

Obwohl viele Menschen arm sind, hat Eva Spiekermann zumindest niemanden gesehen, der hungern musste. „Die Frauen haben meist ein Stück Land, auf dem sie Gemüse für die Familie anbauen, die Männer arbeiten wie bei uns auch zum Beispiel in Büros.“ Es gibt zwar auch Supermärkte, aber dort einzukaufen, können sich die meisten nicht leisten. „Stattdessen kaufen sie auf dem Markt frische Papayas und Mangos.“ Mit den Nachbarn haben die Studentinnen gekocht. „Alle waren sehr herzlich.“ Auch ihre „Mama“, die sich um sie kümmerte und Eva traditionell das Gesicht mit Mussiro verzierte – einem weißen Gemisch aus fein gemahlenem Holz und Wasser. „So schmücken sich Frauen an Festen.“

Auf Eva Spiekermanns Haut fiel die helle Farbe nicht so auf wie bei den dunklen Afrikanerinnen. Dafür zog sie generell die Aufmerksamkeit auf sich. „Als Weiße wird man andauernd angesprochen, Männer machten uns Heiratsanträge. Sie denken, Europa ist das Paradies, und wollen eine weiße Frau heiraten, um herzukommen. In der Stadt haben fast alle einen Fernseher und sehen brasilianische Serien, die ein solches Klischee vermitteln.“

Kinos gibt es in der Stadt Nampula nicht, auch kein Café oder Theater. Trotzdem schätzt Eva Spiekermann das Leben dort: „Bei uns besitzen die Menschen viel mehr, aber sind oft einsam. Dort haben die Menschen zwar weniger, aber sind gemeinschaftlicher. Im Bus redet man auch mit Fremden.“ Mit den Chapas, „Minibusse, die schon fast auseinanderfallen“, zwängen sich die Reisenden zusammen. So fuhren die Studentinnen weiter zur Hauptstadt Maputo, wo sie in einem anderem Kulturzentrum mit Kindern arbeiteten und auch endlich in Cafés und Konzerte gehen konnten. Seit ihrer Rückkehr weiß Eva Spiekermann: „Ein zufriedenes Leben ist nicht von Besitz und materiellen Dingen abhängig.“

 

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