Fußball als Kirchenersatz

Pfarrer Winfried Langendonk und Autor Ulrich Land. Foto: Michael Korte / WAZ FotoPool
Pfarrer Winfried Langendonk und Autor Ulrich Land. Foto: Michael Korte / WAZ FotoPool
Pfarrer Winfried Langendonk und Hörfunk-Journalist Ulrich Land im Gespräch.

Hattingen..  Am Anfang stand eine Meldung in der Hattinger Zeitung: „Pfarrei sucht Buchsbaum“. Ulrich Land las dies; und weil er sowieso zum Thema Palmsonntag recherchierte, verabredete er sich mit Pfarrer Winfried Langendonk zu einem längeren Gespräch. Sie sprachen über vieles, auch über Fußball. ­Sahen Parallelen zur Liturgie, der Ordnung und Gesamtheit der religiösen Zeremonien und Rituale. Was Land und Langendonk zum Oberthema „Fußball als Kirchenersatz“ brachte. Sie beschlossen, gemeinsam ins Dortmunder Stadion zu fahren, um mit Fans zu sprechen und die Szene genau zu beobachten.

„Der Trend der vergangenen zehn Jahre ist verblüffend“, meint Autor und Hörfunk-Journalist Ulrich Land: „Die Besucherzahlen in den Kirchen sind um 40 Prozent gesunken, im selben Zeitraum in den Stadien um 40 Prozent angestiegen.“ Winfried Langendonk fügt an, dass etwa 85 000 Katholiken im Ruhrbistum am Wochenende in die Gottesdienste kommen, das sind etwa zehn Prozent aller. Und er sagt: „Die Klientel, die in der Kirche fehlt, steht im Stadion.“ Land: „Fußball ist längst eine Art Ersatzreligion“.

Im einzelnen:

Akustik

„Sie ist im Stadion besonders, sie ist aber auch in unseren großen Kirchenräumen unvergleichbar“, sagt Winfried Langendonk.

Ball auf der Stele

Seit einigen Jahren wird der Spielball in der Fußball-Bundesliga vor dem Anpfiff auf eine Stele vor dem Spielertunnel gelegt. „Das ist sehr ähnlich der Präsentation der Monstranz in der Kirche“, so Langendonk. Hier wird hinter einer Scheibe aus Bergkristall oder Glas eine geweihte Hostie gezeigt.

Choräle

Ganz gleich, ob die Fangesänge im Stadion oder ein Chor in der Kirche – „beide beinhalten das Signal: Jetzt wird es wichtig!“

Choreographie

„Im Stadion wie auch in der Kirche wird nichts dem Zufall überlassen“, weiß Ulrich Land.

Einlaufen

„Wie bei einer Prozession gehen die beiden Mannschaften aufs Feld“, sagt Ulrich Land. Langendonk ergänzt: „Der Ball wird vorweggetragen, wird zum Mittelpunkt, zum Zentrum des Spiels. In der Kirche sagen wir: Er ist in unserer Mitte.“ Aber: „Der Ball wird anschließend mit Füßen getreten.“

Fahnenschwenker

„Das ist wie bei einer Fronleichnams-Prozession: KAB, Kolping, Messdiener, Pfadfinder, alle kommen mit ihren Fahnen zusammen“, berichtet der Pfarrer. „Beim Fußball sind es die Fangruppen.“

Kleiderordnung

„Die Messdiener sind die Spieler“, sagt Winfried Langendonk und schmunzelt. Die einen tragen Trikots, die anderen Gewänder.

Trainer

Die Messdiener sind die Spieler, was aber ist der Pfarrer: Schiedsrichter oder Trainer? „Natürlich der Trainer“, sagt Langendonk. „Die Rolle des Schiedsrichters steht ihm nicht zu.“

Unterschiede

„Es gibt zwei Mannschaften, zwei Gegner – das gibt es in der Kirche nicht“, betont Langendonk. „Die Liturgie ist eine Einheit.“

Zeugwart

Ulrich Land vergleicht seinen Job mit dem einer Küsterin. „Man glaubt gar nicht wie sehr die beiden seelsorgerisch tätig sind“, sagt er.

Die Liste könne fortgesetzt werden, es gebe auch Gemeinsam­keiten in der Architektur, sogar die Fotografen-Meute beim Fußball vergleichen sie mit den Eltern, Angehörigen und Freunden bei einer Erstkommunion. Fußball und Kirche – beides sind Massenbewegungen, beide schaffen ein Spannungs-, ein Gemeinschaftserlebnis. „Schön ist aber auch“, so Pfarrer Winfried Langendonk zum Schluss, „dass es auch Doppel-Mitgliedschaften gibt.“

Winfried Langendonk und Ulrich Land

Pfarrer Winfried Langendonk wurde vor 50 Jahren in Bochum geboren, er ist bekennender ­VfL-Fan. „In Zweitliga-Zeiten ist es für mich aber sehr schwierig, bei den Spielen dabei zu sein“, erklärt er. In der abgelaufenen Saison sei er zwei-, dreimal im Stadion gewesen. ­Langendonk ist seit dem Jahr 2006 Pfarrer der Stadtpfarrei St. Peter & Paul.

Autor Ulrich Land wurde vor 56 Jahren in Köln geboren, naheliegend also, dass er zu seinem „Eff-Zeh“ hält. „In der vergangenen Saison hatte ich es deshalb sehr schwer“, sagt er und schmunzelt. Seit vielen Jahren lebt und arbeitet Land schon im Hügelland, in der Elfringhauser Schweiz. Sein aktueller Roman: „Und die Titanic fährt doch“.

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