Ein Nashorn in der Kirche

Foto: Uwe Möller WAZ FotoPool
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St. Georg stellt Johannes Brus aus und kooperiert mit Kunstmuseum Bochum.

Hattingen..  Nein, er treibt keine Sau durchs Dorf. Die gehört auch nicht zu Johannes Brus’ bevorzugten Tierchen. Doch lässt der Essener Künstler ein Nashorn auf die Kirche los. Naja, das ist vielleicht etwas übertrieben. Schließlich hockt das nach dem Elefanten gewaltigste Landsäugetier ganz possierlich auf dem Schoß der hochrot gekleideten Frau. Ganz vorn in der Georgs-Kirche. In einigem Abstand zu einer anderen Skulptur, auf deren Beine ein Einhorn ganz gemütlich und zutraulich seinen Kopf und den Rest des hellen, unschuldigen Körpers gebettet hat.

Seit die tierischen Besucher vor ein paar Tagen den Kirchenraum im Herzen der Altstadt für sich entdeckt haben, wird Pfarrer Udo Polenske ständig angesprochen. Das Gesprächsthema sitzt quasi mitten in der Gemeinde – für drei Monate. So lange haben die Werke Kirchenasyl. Polenske freut sich, einen Ruhrgebietskünstlers von nationalem und internationalem Rang unter seinem Dach zu haben. Und eine neue, hochkarätige Kooperation zwischen Kunst und Kirche auf die Beine stellen zu können. Gemeinsam mit dem Leiter des Kunstmuseum Bochum, Dr. Hans Günter Golinski. Dieser hat Hattingen die beiden Werke abgetreten und freut sich schon auf die Wechselwirkung.

„Die hätte ich auch gerne“, gerät Polenske ins Schwärmen. Er meint die fünf Bildhauer, die nackt auf Europaletten sitzen und die Einladung für „Frühe Fotos / Späte Schäden“ zieren, die auch in St. Georg ausliegt. Die Ausstellung mit Fotoarbeiten und Skulpturen in Bochum wird zeitgleich mit der Hattinger am Samstag, 2. Juni, um 17 Uhr eröffnet. Zum Auftakt wird Künstler Johannes Brus in Hattingen dabei sein.

Die Idee, den Essener in die Ruhrstadt zu holen, hatte Polenske nach einer Ausstellung vor zwei Jahren. Dr. Eberhard Helwing, ehemaliger Chirurgie-Chef am EvK, und seine Frau ebneten den Weg.

Der Bochumer Museumsleiter hofft, dass sich Besucher „mit Toleranz und Offenheit“ den Skulpturen nähern und sie „nicht auf den ersten Blick aburteilen“. Dass sie Appetit bekommen auf mehr und sich in Bochum vielleicht Brus’ Arbeiten von den 1970er Jahren bis heute ansehen. Sie eröffnen vielschichtige imaginäre Räume, schreibt er, die er in der Eröffnung beschreiben wird. „Vertraute Dinge erhalten durch provokante Begegnungen und Kombinationen historische, mystische oder surreale Dimensionen.“ Natur und Kultur, Tier und Mensch gingen Beziehungen ein, die eine Welt hinter dem Sichtbaren eröffnen.

Etwa wenn in Bochum in „Elefanten nach Kokillen“ Gussformen und Dickhäuter eine künstlerische Verbindung eingehen. Oder in Hattingen angesichts der Skulpturen trefflich über Madonnen und Mythen, Fabelwesen, Reinheit, Triebhaftigkeit und Erotik diskutiert werden kann. Aber bitte nicht grobschlächtig in Anlehnung ans Material, sondern mit feiner Ironie, wie sie der Künstler durchblicken lässt. Und auf hohem Niveau. Denn das strebt St. Georg nicht nur bei seiner Kammermusik an, sondern auch in der neuen Kooperation.

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