Ein Atelier für Qualität und Haltung in Hattingen

Foto: FotoPool
Mit seiner „Memofaktur“ ist Kurt C. Reinhardt umgezogen von Zeche Zollverein nach Hattingen. Der „Generalist“ berät Unternehmen der Design-Wirtschaft nun von Blankenstein aus.

Hattingen..  Die Frage nach seinem erklärten Faible, dem nun 107-jährigen Deutschen Werkbund, beantwortet Kurt C. Reinhardt schlicht: „Sie sitzen drauf!“ Heute spricht man ja leichthin von Designer-Möbeln oder -Objekten. Für den 46-jährigen Neu-Hattinger sprechen die gut gestalteten Dinge seines Haushalts, vom Kaffeelöffel bis zum Stahlrahmen-Sessel, von „der alten deutschen Idee des Gesamtkunstwerks“.

Dieses Konzept, mindestens so alt wie die Bühnenkunst Richard Wagners, ist mit seinem Atelier namens „Memofaktur“ umgezogen aus der einstigen Direktoren-Etage der Unesco-Welterbestätte Zollverein in ein Blankensteiner Mehrfamilienhaus mit umwerfend unverbauter Aussicht aufs Hügelland.

Werkbund-Siedlung auch in Welper

Als sich die Geburt ihres Töchterchens Lyvian ankündigte, suchten die Eheleute Diem und Kurt C. Reinhardt nach einem familienfreundlichen Zuhause. Und so begeistert, wie sich der „Memofaktur“-Gründer von den Baumeistern der Werkbund-Tradition zeigt, hätte es eigentlich ein Häuschen in Welper sein müssen. Die Metzendorf-Siedlung, betont der studierte Physiker und Philosoph, sei ein „schönes Beispiel“ für die Werkbund-Qualitäten.

Das Gründer-Credo des Werkbundes von 1907 zielte auf eine „Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk“. Der Hattinger Neubürger nennt es „eine Haltung“, die gerade heute wieder ihre Berechtigung hat. „Die strukturellen Probleme damals sind denen von heute sehr ähnlich. Wir sind immer noch ein rohstoffarmes Land“. Eines, das mit Qualitäts-, nicht mit Massen-Produkten punktet.

Was also leistet seine derart geprägte „Memofaktur“? Von konventionellen Unternehmensberatungen grenzt sich Kurt C. Reinhardt deutlich ab. Dann zitiert er doch lieber einen seiner Professoren, der von seinem „intellektuellen Gemischtwarenladen“ sprach. Die „Memofaktur“ betreut namhafte Firmen – von Strategien über Marketing bis zur Unternehmenskultur – der Architektur und Design-Wirtschaft. „Ein riesiges Feld“, sagt der Berater. Nur selbst Produkte entwerfen, das leiste er nicht, vermittelt aber gerne.

Der erklärte „Generalist“ ist jedenfalls rückblickend heilfroh, „dass ich nicht Hochschullehrer geworden bin“. Heutige Studiengänge führen aus seiner Sicht viel zu früh in eine viel zu enge Spezialisierung. Der Experte für gute Gestaltung – der Werkbund sieht ja seine Metiers „vom Sofakissen bis zum Städtebau“ – wirkte nach dem Studium auch sechseinhalb Jahre in der Erdbeben-Einheit des Technischen Hilfswerkes (THW). Kurt C. Reinhardt ist stolz auf das Bundesverdienstkreuz, das Johannes Rau als Bundespräsident 1999 – nach dem Einsatz in der Türkei – dem damals 31-Jährigen ansteckte.

Dass es kein „Bauen für die Ewigkeit“ geben kann, ist eine Einsicht, die der Enkel und Urenkel von Steigern auf Zollverein von diesen Einsätzen mitnahm. Seine Faszination für die Industriekultur und ihr berühmtestes Denkmal ist dennoch offensichtlich: Ein Foto an der Wendeltreppe zum Dach-Atelier zeigt die strenge Symmetrie der „Beeindruckungs-Architektur“ von Zollverein.

Kurt C. Reinhardt, der etwas andere Unternehmensberater, ist auch nach wie vor ein Forscher, dessen eigenes Buch zur Industriekultur noch unvollendet in der Schublade wartet. Doch da ist ja noch die sechs Wochen junge Lyvian, deren Ankunft die elterliche Wahl für das Blankensteiner Idyll bestimmte. Ihr flüstert der stolze Vater zu: „Ich möchte dich auch aufwachsen sehen.“

 
 

EURE FAVORITEN