Die Not der Kursleiter

Sophia Schauerte
Kursleiter Werner Graf mit Arbeitsunterlagen auf dem Weg zur VHS.  Pro Unterrichtsstunde verdient er 21,50 Euro – zu wenig, sagt er.
Kursleiter Werner Graf mit Arbeitsunterlagen auf dem Weg zur VHS. Pro Unterrichtsstunde verdient er 21,50 Euro – zu wenig, sagt er.
Foto: Haenisch / waz fotopool
Dozenten an der Volkshochschule klagen über schlechte Bezahlung. Viele müssen ihren Lebensunterhalt vom Honorar bestreiten – und kommen kaum hin. Von einer „prekären Situation“ spricht auch Hattingens VHS-Leiter Heinz Starmann.

Hattingen.  Werner Graf kennt sich mit Zahlen aus. Als Mathelehrer gehören sie zu seinem Job. Eine Zahl jedoch entzieht sich seinem Verständnis. Nämlich die auf seiner Abrechnung: 8000 Euro verdient der Akademiker – pro Jahr. Grafs Problem: Seine Arbeitgeberin ist die Volkshochschule. „Wir sind der Erfinder der prekären Arbeitsplätze“, bringt VHS-Leiter Heinz Starmann das Problem ganz offen auf den Punkt.

Offen hatte auch die langjährige VHS-Kursleiterin Inge Berger gesprochen: über ihr Zerwürfnis mit Starmann, bei dem es unter anderem um gekürzte Bezüge ging (wir berichteten). „Die Kursleiter werden mehr schlecht als recht bezahlt“, sagt der VHS-Leiter. „Zudem haben sie keine Einnahmegarantie: Es ist nicht sicher, ob der Kurs zustande kommt.“

„Bezahlung ist erbärmlich“

Das weiß auch Werner Graf. Seit 25 Jahren arbeitet er als Kursleiter im Bereich nachträgliche Schulabschlüsse, unterrichtet Mathe und Gesellschaftslehre. „Als ich mit meinem Studium fertig war, gab es keine Lehrer-Stellen“, erzählt der 56-jährige Welperaner. So kam er zur VHS. „Ich arbeite gerne da“, betont er, „aber die Bezahlung ist erbärmlich“. Als Lehrer im Bereich Schulabschlüsse verdient er 21,50 Euro pro Unterrichtsstunde. Für alle anderen Kursleiter gibt es 19 Euro. „Das mag ganz gut klingen“, so Graf, „aber da ist die Vor- und Nachbereitung schon drin.“ Und die fresse Zeit. Zudem zahlen Honorarkräfte die Sozialversicherung selbst. Graf hat Glück, er ist durch seine Ehefrau und private Vorsorge davon befreit. „Wenn das nicht so wäre, könnte ich mir den Luxus gar nicht erlauben, bei der VHS zu arbeiten.“ So aber bleiben ihm etwa 660 Euro Verdienst im Monat.

Neuer Typ von Kursleiter

Andere Dozenten haben es schwerer. Dabei sind immer mehr auf den Hinzuverdienst angewiesen: „Früher waren Kursleiter hauptsächlich Leute, die einen festen Beruf hatten und nebenbei aus Spaß Kurse gaben, um ein kleines Zubrot hinzuzuverdienen“, weiß Starmann. In den vergangenen Jahrzehnten sei ein zweiter Typ entstanden: „Heute haben viele Dozenten bessere Kompetenzen, sie müssen aber auch davon leben.“ Dem VHS-Leiter ist es „schleierhaft“, wie das gelingt.

Als Trägerin der VHS ist die Bezahlung Sache der Stadt. Erst vor drei Jahren hatte der Rat die Bezüge um 1,50 Euro pro Unterrichtsstunde angehoben. 240 000 Euro beträgt der Etat im Stadt-Haushalt. Objektiv betrachtet liegt Hattingen damit im guten Mittelfeld: „17 bis 20 Euro pro Unterrichtsstunde, das sind die Sätze, die in der Praxis anzutreffen ist“, sagt Arnd Pricibilla, Verwaltungsleiter des VHS-Landesverbandes NRW. Die Honorare seien landesweit „nicht üppig“, die Kommunalkassen nun einmal leer. Und auch das Land schraubt seine Hilfen zurück: Gab es vor zehn Jahren noch 260 000 Euro Zuschuss für die VHS Hattingen, waren es 2011 nur noch 210 000 Euro. „Das reicht hinten und vorne nicht“, so Starmann. Die Konsequenz: „Wir mussten kürzere Kurse einrichten.“ Und das bedeutet weniger Unterrichtsstunden – und somit weniger Geld in der Tasche der Kursleiter.

Mathelehrer Graf ist davon nicht betroffen. Denn die Stundenanzahl im Bereich Schulabschlüsse durfte aufgrund gesetzlicher Vorgaben nicht gekürzt werden. Ohne seinen familiären Hintergrund hätte er sich trotzdem „schon längst woanders umgesehen“. Doch der Lehrer mag seinen Job. Auch wenn er beim Blick auf die Zahl 8000 auf der Jahresabrechnung unwillkürlich denkt: „Und dafür habe ich zwei Staatsexamen gemacht...“