Den Opfern einen Namen geben

Stadtarchivar Thomas Weiß. Foto: Joachim Haenisch / WAZ FotoPool
Stadtarchivar Thomas Weiß. Foto: Joachim Haenisch / WAZ FotoPool
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Das Buch „Ohne Rückkehr“ dokumentiert neue Erkenntnisse über die Deportation der Juden im Regierungsbezirk Arnsberg.

Hattingen.. „Ohne Rückkehr“ heißt das Buch über die Judendeportation aus dem Regierungsbezirk Arnsberg nach Zamosc in Polen. Der Titel kann die Grausamkeit des „systematischen und fabrikartigen“ Mordens nicht annähernd ausdrücken. Bald siebzig Jahre ist es her, da holten im April Polizisten und Nazis die Juden aus der Gewehrfabrik nahe Haus Stolle ab – in die sie zuvor verdrängt worden waren. Nazis verriegelten ihre Wohnungen und schickten die Juden in den Zug, der sie Richtung Osten brachte. Einen Rucksack durften die Kinder, Frauen und Männer mitnehmen – auch wenn die meisten von ihnen den nicht mehr brauchten. „Wer nicht arbeiten konnte, wurde sofort ermordet“, sagt Stadtarchivar Thomas Weiß. Zahlreiche Historiker und Archivare aus dem Regierungsbezirk haben in den letzten Jahren daran gearbeitet, die Deportation gemeinsam zu erschließen, indem sie Briefe, Personalausweise, Anträge und Fotos miteinander tauschten und interpretierten.

„Zu Beginn wussten wir nur, dass es eine Deportation gab, dass Juden in den Osten gebracht wurden und dass keiner überlebte“, erklärt Weiß. „Mit dem Buch geben wir 768 Opfern einen Namen und eine Geschichte.“ Sie alle sind im Buch aufgelistet, auch lachende, fröhliche Gesichter sind zu sehen. Wenn man die Fotos sieht, wird einem mulmig – nachdenklich soll das Buch auch machen.

Mobbing in der Schule

Denn: „Die Judendeportation ist zwar siebzig Jahre her, doch auch heute gibt es immer noch Neonazis. Wir müssen alle überlegen, wie wir mit Menschen umgehen. Auch in der Schule gibt es wieder verstärkt Mobbing.“

Die Judenverfolgung sei und bleibe ohnehin unfassbar, das werde sich niemals ändern, sagt Weiß. „Doch das Buch zeigt: Es ist auch hier bei uns passiert. Die Juden, die in Hattingen lebten, waren integrierte, gestandene Bürger. Zehn Jahre vorher hatten sie noch ein Geschäft und haben Karneval gefeiert. Dann auf einmal waren sie weg.“ Der Hattinger Jude Alfred Markus hatte rund 35 Jahre auf der Henrichshütte gearbeitet – plötzlich ist sein Leben wie ausgelöscht, als hätte er nie existiert. „Unbekannt verzogen“, nennen es die Nazis, wenn Juden deportiert werden. In Hattingen traf es 15 Juden. Im Buch ist zu sehen, wie Alfred Markus abgeholt, zum Bahnhof gebracht wird. Dort steht der Zug. Unbegreiflich. Konnte denn keiner etwas tun? Eine Frage, der die Historiker und Archivare nachgehen. „Die Menschen wussten, dass es kein Kurort sein konnte, wo die Juden hingrabracht werden“, erklärt Weiß, „aber dass sie dort brutal ermordert werden, ahnte 1942 auch noch keiner. Und wenn jemand fragte, gab es Drohungen.“

Viele Juden waren sogar zuversichtlich, sie dachte, sie sollten am neuen Ort Pionierarbeit leisten. Sie stellten sich auf einem Dortmunder Sportplatz in einer Schlange auf, um registriert zu werden. Danach ging die Fahrt weiter nach Zamosc – 65 Stunden. Ohne Rückkehr.

 
 

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