Dem Namen alle Ehre gemacht

Hattingen..  Ehemalige Mitarbeiter erinnern sich an ihre Zeit im Gemeinschaftswerk. 1984 wurde es stillgelegt.

Muss eine Firma ihre Produktion einstellen, geht ein Sportverein zugrunde, dann gehen dort die Lichter aus. Auf kein zweites Hattinger Unternehmen trifft diese Redewendung besser zu als auf das Gemeinschaftswerk. Brach die Dunkelheit über die Stadt hinein, tauchte das Elektrizitätswerk in den Ruhrwiesen in eine Atmosphäre, an der sich Pendler, Touristen oder Einheimische gar nicht sattsehen wollten. Doch damit war es Ende Juni 1984 vorbei. Das 72 Jahre alte Werk hörte auf zu existieren.

Verglichen mit dem Aus bei Mönninghoff, der Henrichshütte oder später bei Kone, wo es zu zahlreichen Arbeitskämpfen kam, ging die Ära des Gemeinschaftswerk eher leise zu Ende. Der letzte Vorsitzende des Betriebsrates, Heinz Gärtner, blickt auf die Zeit nach dem 9. März 1982 zurück – dem Tag, als die stufenweise Stilllegung bekannt gegeben wurde: „Anfangs wollten wir durchaus an die Öffentlichkeit treten. Wir haben sogar überlegt, ob wir nicht den amtierenden Bundespräsidenten Karl Carstens für unsere Interessen gewinnen sollten. Aber wir sind davon abgekommen, als wir Gewissheit hatten, dass kein Belegschaftsmitglied in die Arbeitslosigkeit entlassen wird.“

Während Gärtner, inzwischen 83 Jahre alt, in den vorzeitigen Ruhestand ging, ließ sich sein Freund und Arbeitskollege Werner Schröder in die Hauptverwaltung der Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW) nach Dortmund versetzen. „Die Arbeitsatmosphäre in Hattingen war wesentlich familiärer“, schildert der 60-Jährige. Das betont zwar auch Gärtner immer wieder gerne. Allerdings: Als das Werk 1910 den Namen Gemeinschaftswerk bekam, spielte der Wunsch nach einem guten Miteinander der Beschäftigten keine Rolle.

Ursprung für die ungewöhnliche Bezeichnung war die gemeinschaftliche Gründung zwischen den VEW und der damals eigenständigen Stadt Barmen. Und das geschah, weil der ständig steigende Bedarf an elektrischer Energie die vorhandenen Kapazitäten auslastete. Am 23. November 1912 war dieses Problem vorläufig gelöst. Der erste Strom, aus Kohle erzeugt, floss nach Barmen. Das Hattinger Werk entwickelte sich prächtig und wurde regelmäßig erweitert. An Rohstoffen mangelte es nicht. 1926 erwarb die VEW die Zeche Alte Haase in Sprockhövel, von der die Kohle ab Oktober 1929 über eine sieben Kilometer lange Seilbahn ans Ruhrufer schwebte. Der nächste im Nachhinein wichtige Stichtag ist der 1. April 1941: Heinz Gärtner beginnt seine Lehre zum Elektriker im Gemeinschaftswerk. Eine Zäsur erlebte das Werk im Jahr 1970. Als Reaktion auf die gestiegenen Kohlepreise erfolgte die Umrüstung auf Erdgas. Und das freute vor allem die Hausfrauen. Ihre frisch gewaschene Wäsche blieb fortan weiß, anstatt durch Kohlenstaub schon nach wenigen Stunden wieder schwarz zu werden. Schröder: „Wir produzierten mit Erdgas, hatten aber auch Öltanks für den Notfall vor Ort.” Ein Notfall traf dann auch tatsächlich ein: Nach der Ölkrise verteuerten sich die Rohstoffe derart, dass ab 1978 eine wirtschaftliche Stromerzeugung nicht mehr möglich war. Trotz aller Beteuerungen seitens der Betreiber, den Standort Hattingen niemals aufzugeben, kam 1984 das Aus.

 
 

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