Das Vermächtnis des Schmieds

Foto: Fischer / WAZ FotoPool
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Ausflug in das Hattingen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie sich der Schlossermeister Bernhard Schlief aus der Hansestadt Soest kommend an der Ruhr einrichtete.

Hattingen..  Geht man heute stadtauswärts die Bahnhofstraße entlang und wendet sich nach links auf die Kirche St. Peter und Paul zu, fällt auf der rechten Seite ein knapp zwei Meter hohes schmiedeeisernes Kreuz ins Auge. Sorgfältig mit schwarzer Schutz­farbe versehen, ragt es aus einem kleinen bepflanzten Beet unmittelbar vor dem alten Gemeindehaus, als hätte es schon immer dort gestanden. Dabei gibt es keinen Hinweis, kein Schild, zur Herkunft oder Geschichte dieses Kreuzes. Ein Kunstschmied hat in bester Handwerksarbeit einen Rosenzweig aus Eisen sich ranken lassen um das Kreuz. Dieses schwarze Kreuz, es stand nicht immer dort.

Ziemlich genau 103 Jahre existiert das Kreuz und kann eine Geschichte erzählen, die selbst der Kirchengemeinde nicht bekannt ist und von der der rege Hattinger Heimatforscher Gerhard Wojahn bislang nichts gehört hatte.

Der zu seiner Zeit wegen kunstvoller Schmiedearbeiten über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Hattinger Schlosser und Schmied Bernhard Schlief (1859-1928) fertigte das Kreuz eigenhändig in seiner Werkstatt Im Huck in der Altstadt an, um mit dem Kreuz an den Tod seiner Tochter Theresia Karoline zu erinnern, die am 15. März 1909 unter nie ganz geklärten Umständen im Alter von 13 Jahren starb. Das Sterberegister verzeichnet, dass sie gegen 21 Uhr in der elterlichen Wohnung verstorben sei. Viele Jahre schmückte das Kreuz ihr Grab auf dem Friedhof an der Bismarckstraße.

Bernhard Schlief wurde am13. März 1859 in der alten westfälischen Hansestadt Soest als Sohn des mäßig erfolgreichen Soester Fuhrunternehmers Mathias Schlief geboren. Sein Cousin ist der in letzter Zeit wieder ein wenig bekannter gewordene westfälische Maler Heinrich Schlief (1894-1971). Im alten Soest, das gegen Ende des 19. Jahrhundert nach Jahren des Niedergangs wieder ein wenig aufblühte, machte sich der offenbar geschickte junge Schmied einen Namen. Er angelte sich einige offenbar recht lukrative öffentliche Aufträge, so dass seine Werkstatt eine gewisse Bekanntheit erlangte.

Für den Soester Osthofen-Friedhof fertigte er ein kunstvoll gearbeitetes schmiedeeisernes Hochkreuz. Ein doppelflügeliges Schmiedetor für die in Soest bis heute existierenden Firma Franz Kerstin stammte ebenso aus seiner Werkstatt. Beide Arbeiten vernichteten Bomben im zweiten Weltkrieg. Außerdem errichtete er ein mehrere Hundert Meter langes Geländer, das den Loerbach in der Soester Altstadt absichern sollte. „Den Auftrag bekommt am 1. Juni 1893 Schlossermeister Bernhard Schlief für 1052,18 Mark“, so steht es in alten städtischen Akten. Noch bis in die 1990er Jahre stand das Geländer. Bei einem Hochwasser wurde es aber so beschädigt, dass es gegen ein industriell gefertigtes Gitter ausgetauscht werden musste.

Bernhard Schlief und seine Frau Maria Anto(i)nette hatten damals bereits neun Kinder, zwei weitere sollten in Hattingen geboren werden. Der aufstrebende Handwerksbetrieb wollte expandieren und versorgte sich mit frischem Kapital. „Doch das Unternehmen ging bankrott die Familie stand vor dem Nichts“, erinnerte sich viele Jahre später seine Tochter Helene. Wie genau die Entscheidung zustande kam, Soest zu verlassen und ausgerechnet in Hattingen noch einmal einen kompletten Neuanfang zu wagen, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Es war Schliefs „Stunde Null“, soviel ist sicher.

Dieser Schritt lässt sich mit der expandierenden Henrichshütte im direkten Zusammenhang sehen. Das Werk florierte und suchte Personal. Die beiden älteren Töchter des Schmieds, Franziska und Antonette, fanden Arbeit. Später folgten weitere Familienmitglieder. Auf der Henrichshütte, wo 1906 und 1913 unter dem neuen Besitzer, dem Kasseler Lokomotiv-Imperium Henschel & Sohn, zwei moderne Hochöfen angeblasen wurden, standen die Zeichen mit Beginn des 20. Jahrhunderts auf Wachstum.

Schnell fasste Schlief Fuß in der neuen Heimat im Ruhrtal. Rund um das Viertel Im Huck und der Bruchstraße, nicht weit von der alten Stadtmauer entfernt, lebten damals viele Handwerker. Auch die Werkstatt des Kunstschmieds befand sich dort. Aus alten Adressbüchern geht hervor, dass die Familie zunächst Im Huck 1 lebte, und später in das ansehnliche Haus Bruchstraße 15 nebenan zog, das im Jahr 1948 abgerissen wurde. An gleicher Stelle wurde das jahrelang recht erfolgreiche Möbelhaus Berg errichtet, das älteren Hattingern in guter Erinnerung sein dürfte.

Von einer Anzeige aus der Hattinger Zeitung ist bekannt, dass sich Schlief zunächst auf die Reparatur der damals in Mode gekommenen mechanischen Nähmaschinen, die in vielen Haushalten Einzug hielten, spezialisiert hatte. „Nähmaschinen Reparaturen sind nicht jedermanns Sache (...) Derselbe garantiert für jede von ihm ausgeführte Reparatur zu ganz billigen Preisen“, heißt es in der Anzeige womöglich zu Beginn seiner Versuche, in Hattingen voran zu kommen.

Aber vor allem seine Spezialität, das Anfertigen komplexer Kunstschmiede- und Kunstschlosserarbeiten, nahm Bernhard Schlief wieder auf. Für die Firma Orenstein & Koppel fertigte er eine (längst demontierte) Geländerkonstruktion. Er galt als handwerklich sehr begabt. Allerdings hatte der Mann seine Schattenseiten. In der Werkstatt herrschte ein rauer Ton, Lehrlinge bekamen schon mal einen Tritt in den Hintern oder er schlug gar mit dem Schüreisen kräftig zu.

Der Tod und das Mädchen

Für das neue Rathaus, dessen Grundstein 1909 gelegt wurde, zog sich Schlief einen kleinen aber äußerst prestigeträchtigen Auftrag an Land, allein deshalb, weil seine Arbeit stets im Blick der Ratsherren blieb: Für die Zuschauer-Empore im Ratssaal schmiedete er ein Geländer, mit stilisierter Eule (Symbol der Weisheit) und Blumengefäßen an den Seiten. Der Lohn: 100 Reichsmark. Die Gitter wurden bei einer Renovierung entfernt, gelten als verschollen. Bei einer zweiten Ausschreibung kam er nicht zum Zuge. Sein Angebot war das Teuerste.

Was bleibt bis heute, ist das Kreuz an der Bahnhofstraße, gleichsam als das Vermächtnis des Schmiedes. Der Tod von Theresia Karoline, die stets Therese genannt wurde, blieb ein Tabu. Ihre ältere Schwester Helene, die 1972 starb, sprach stets von „Schwindsucht“ als Todesursache. Irgendwann kam die Wahrheit – oder besser ein Teil von ihr – ans Licht. Auf einem Kornfeld bei der Stadt, so erzählte Helene ihrem einzigen Sohn, sei Therese vergewaltigt worden, ein 13-jährige Mädchen. Kurze Zeit später sei sie gestorben. Da die Sammelakten zum Sterberegister aus dieser Zeit nicht mehr existieren und Polizeiakten erst aus späteren Jahren erhalten sind, bleiben die Umstände ihres Todes im dunklen. Es gibt eine Danksagungs-Anzeige in der Hattinger Zeitung vom 19. März 1909. Im gleichen Blatt findet sich wenige Tage später ein Prozessbericht aus dem Essener Schwurgericht. Dort geht es um „Versuchte Notzucht“. Angeklagt war der Bergmann Johann B., der zu acht Monaten Gefängnis verurteilt wurde: „Das Verbrechen ist gegen ein 13jähriges Mädchen versucht worden.“ Ein Hinweis!

Der Schlossermeister und Schmied Bernhard Schlief starb 1928 im Alter von 69 Jahren.

Woher ich das alles weiß? Bernhard Schlief war mein Urgroßvater. Dank an die Archive in Soest und Hattingen, die Kreishandwerkerschaft, Gerhard Wojahn und natürlich an meine Familie.

 
 

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