Das Schmuckkästchen Welpers

Max Schwarz
Max Schwarz
Foto: Funke Foto Services
Max Schwarz lebt seit fast 60 Jahren in der Zechensiedlung Müsendrei. Er erinnert sich an den schlechten Ruf und wie die Bewohner ein Denkmal bauten.

„’Nach Müsendrei darf kein Fremder hin. Da gibt es sofort Prügel.’ Das haben sie früher gesagt“, erinnert sich Max Schwarz schmunzelnd. Mit 20 Jahren kam der heute 79-Jährige nach Hattingen, genauer: in die berüchtigte Siedlung in Welper. Vom schlechten Ruf ahnte er damals nichts – und fühlte sich sofort wohl. „Heute ist Müsendrei das Schmuckkästchen Welpers“, sagt er. Die komplette Siedlung steht unter Denkmalschutz. Das gibt es in Hattingen sonst nur noch in einem Bereich Blankensteins.

Dabei waren die Häuser, die sich heute in hübschem Beige und Rotrot mit grünen Fensterläden und Türen präsentieren, nicht immer im besten Zustand. „Nach 1945 war hier auch alles grau in grau“, erinnert sich Schwarz. Mit seiner Frau Ingrid wohnt er in einem der Häuser. „Im Seiteneingang“, wie er betont. Denn in Müsendrei gibt es alle Haunummern doppelt, was nicht nur bei Paketzustellern für Verwirrung sorgt.

Früher waren die Wohnungen Hüttenarbeitern und ihren Familien vorbehalten. So kam der 79-Jährige nach Müsendrei und auch seine Frau Ingrid lebt schon seit ihrer Kindheit in der Siedlung. Seitdem hat sich einiges geändert, aber längst nicht alles: „Früher hatten wir noch ein Plumpsklo im Anbau“, sagt Ingrid Schwarz lachend. Etwa seit den 1960er Jahren gibt es ein Badezimmer.

Und auch die Ställe, die einst hinter jedem Haus zu finden waren, sind heute keine Kleintierunterkünfte mehr. Eine Heizung hat das Ehepaar aber auch heute noch nicht im Haus: Geheizt wird mit Kohle, der Ofen steht in der gemütlichen Küche. „Aber nur drei oder vier Leute heizen noch mit dem Ofen. Die anderen haben Gas legen lassen, als die Häuser privatisiert wurden“, sagt Max Schwarz.

Dann geht es nach draußen, vorbei an der Wiese im Zentrum der Siedlung. „Da stand das Schachtgebäude“, zeigt Schwarz. „Das war nichts fürs Auge und nahm das Licht weg“, erinnert sich seine Frau. Aber als es 1975 abgerissen wurde, bekam Müsendrei ein Denkmal. „Im Keller lagen große Steine. Die haben die Müsendreier geholt und einen auf den anderen gestellt“, beschreibt er. „Die Lehrjungs auf der Hütte haben die Tafel gemacht. Da hatten wir ein Denkmal.“ Das steht noch heute, etwas versteckt neben der Spielwiese.

Über dem ehemaligen Schacht rückten die Zementfahrzeuge an, um ihn zu verfüllen. „Die haben Unmengen da reingepumpt. Das nahm kein Ende“, weiß der ehemalige Hüttenarbeiter. „Angeblich gehen die Gänge von Müsendrei bis ins Ludwigstal“, hat er gehört. Und wo einst der Keller des Schachtgebäudes war, sacke noch heute die Wiese ab.

Die Zechensiedlung, die eigentlich gar keine ist

Zechensiedlung Müsendrei heißt der Denkmalbereich in Welper zwischen Ringstraße und Rathenaustraße. Eine Siedlung für die Zechenarbeiter war Müsendrei aber nie. Denn als die Siedlung zwischen 1906 und 1907 geplant und gebaut wurde, war die Zeche schon mehr als drei Jahrzehnte geschlossen. Eigentlich ist Müsendrei eine Hüttensiedlung. Der Name zeigt allein, dass sie um einen ehemaligen Schacht herum gebaut wurde, nämlich die Spateisenzeche Müsen III.

„Man sieht in Welper die Entwicklung des Arbeiterwohnens an der Hütte“, erklärt Denkmalpfleger Jürgen Uphues. Zuerst haben die Arbeiter auf der Hütte selbst gewohnt. Dann ging es ist die Nähe des Arbeitsplatzes, im Sichtfeld des Geländes. Müsendrei steht für den Wandel hin zu einer angenehmen Wohnumgebung im Grünen.

24 Doppelhäuser ließ die Firma Henschel & Sohn, Eigentümerin der Henrichshütte, um das ehemalige Schachtgebäude errichten. Hinter den Häusern befanden sich Selbstversorger-Gärten. Dort wurde Gemüse und Obst angebaut und in Anbauten mit Ställen Kaninchen, Hühner, Schweine und Ziegen gehalten.

Ein Mordernisierungsprogramm für die Siedlung war in den 1980er Jahren lange an der Finanzierung gescheitert. Die damalige Eigentümerin, die Veba, hatte sich gegen den teuren Umbau gewehrt. 1984 schließlich sollte die Siedlung für 1,4 Millionen D-Mark modernisiert werden. Die Stadt wollte 145 000 Mark aus eigenen Mitteln beisteuern, 355 000 Mark versprach das Land zur Städtebauförderung.

Im selben Jahr rückte der Denkmalschutz für den Bereich in den Blickpunkt. Das alte Schatgebäude, das 1975 abgerissen worden war, stand da schon nicht mehr. Die Siedlung ist von städtebaulicher und geschichtlicher Bedeutung, urteilte das Landesdenkmalamt.

Einen Wettbewerb zur Nachverdichtung der historischen Siedlung lobte die Stadt 1998 aus. Tatsächlich durchgeführt wurde er aber nie. Stattdessen wurden die Häuser vier Jahre später verkauft. Mieter, die älter als 65 Jahre waren, durften bleiben, auch wenn sie ihr Haus nicht kauften. „Wir haben ein lebenslanges Wohnrecht“, sagt Max Schwarz.

„Eine gewisse Fluktuation gibt es in Müsendrei“, sagt Jürgen Uphues. Derzeit wird eines der Häuser zum Kauf angeboten.

 
 

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