Das Lineal des Lebens

Ausstellungseröffnung im Übergabeturm des Industriemuseums: „Damokles träumt“ heißt die Präsentation.
Ausstellungseröffnung im Übergabeturm des Industriemuseums: „Damokles träumt“ heißt die Präsentation.
Foto: WAZ FotoPool
Industriemuseum und Stadtmuseum feiern mit Aktionen den 35. Museumstag

Hattingen..  Eine gigantische Spinne mit Strasssteinen sitzt an der Wand der Übergabestation im Industriemuseum, während im Stadtmuseum in Blankenstein Rätselbögen für die Besucher bereit liegen. Zum 35. Internationalen Museumstag mit Motto „Welt im Wandel – Museen im Wandel“ locken die beiden kulturellen Schauplätze mit Aktionen.

Zwei Ausstellungen werden im Industriemuseum vorgestellt. Die Künstlerinnen Angela Schilling und Mercedes Neuss lassen mit der Ausstellung „Damokles träumt“ das Schwert – gleich zweimal – im Turm, in der Übergabestation, schweben. Die Werke fallen kaum auf, verschmelzen mit rostbraunen, grauen Tönen, die Gäste recken die Köpfe, suchen die Decke ab. Die Spinne ist der größte Blickfang. Angela Schilling: „Es ist lustig, dass in diesem Raum auch geheiratet wird, es gibt ja das Sprichwort: der Spinne ins Netzt gegangen. Die Spinne lauert im Dunkeln, viele haben Angst vor ihr. Die Haare der Spinne finden sie ekelhaft, deshalb habe ich mit Strasssteinen aus etwas Grausigem, etwas Wunderschönes gemacht.“

Grausig ist auch der schwarze Totenkopf, der auf dem Rest des ehemaligen Förderbands liegt. „Wenn es dunkel ist, sieht man anhand vieler kleiner Lichter Sternzeichen auf dem Kopf leuchten.“ Oben an einer Wand hängen nebeneinander befestigt 60 Messer. „Eilige Besucher könnten die Kunstwerke locker übersehen, da sich alles außerhalb ihres direkten Gesichtsfeldes abspielt.“ Doch wer stehen bleibt, erkennt die „schwebende Gefahr“, so Angela Schilling. Rolf Potthoff vom Industriemuseum erklärt den Besuchern: „Damokles hat seinen Tyrannen so lange umjubelt, bis er ganz benommen davon wird. Da fragt der Tyrann: Glaubst du wirklich, was du da singst? Damokles sagt ja. Da geht dem Tyrannen der Schalk durch und er bietet den Rollentausch an – Damokles ist begeistert und hat verloren, denn schon wird er prachtvoll zu Tische gebettet mit allem derzeit zur Verfügung stehenden Komfort – nur, über seinem Kopf schwebt, an einem Rosshaar aufgehängt, das berühmte Schwert. Aus der Traum.“

Menschlicher ist die Ausstellung „Philosophie des Lineals“ in der Schaugießerei. Monika Schwarze hat wertvolle 18 Mitarbeiter des Industriemuseums mit Pastellkreide porträtiert. Neben jedem Bild hängt ein künstlerisches Brett, ein Lineal, das der Mitarbeiter selbst gestaltet hat und das auf seine Größe zugeschnitten wurde. Darauf zu sehen: eine Metallkralle, Steckdosen, Fotos der Tochter, Sonnenblumen. „Das Lineal begleitet uns ein Leben lang. Wir kommen zur Welt und werden gemessen, benutzen das Lineal in der Schule und zum letzten Mal werden wir ausgemessen, wenn wir sterben und in den Sarg kommen sollen“, so Monika Schwarze. Doch die Ausstellung zeigt Lebendigkeit. „Vor bald 25 Jahren wurde die Henrichshütte stillgelegt, aber hier passiert immer noch viel.“ Die Männer, um die es geht, zeigen bei der Schaugießerei den Besuchern, wie es hier einst überall gezischt, geraucht, geglüht und gehämmert hat. Früher haben viele der Männer ihre Lehre auf der Henrichshütte gemacht, heute ist die Arbeit der Maschinenschlosser, Gießer, Modellschreiner oder Dreher zusammen mit der Industriekultur ein Stück Kunst geworden.

EURE FAVORITEN

Weitere interessante Artikel