BAP wie aus tausendundeiner Nacht

Jürgen Augstein
Wolfgang Niedecken
Wolfgang Niedecken
Foto: WAZ FotoPool / Ingo Otto
Unplugged-Konzert begeistert rund 3000 Gäste beim Zeltfestival Ruhr. Hits, die „Lieschen Müller“ kennt, fehlten nicht, kamen aber ganz anders daher.

Kemnader See.  Einen fast „kammermusikalischen Abend“ hatte BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken angekündigt, war dann aber erstaunt, wie groß der Rahmen im Sparkassenzelt ausfiel. Die „Unplugged“-Nummer gelang trotzdem.

Den Titel „unplugged“ beanspruche ausschließlich MTV, erzählte Niedecken, deshalb hieß es ja auch „BAP zieht den Stecker“, was so natürlich nicht ganz stimmte. Dann würde allenfalls die erste Reihe was mitbekommen, so der Kölsch-Rocker. Der ließ es nach seinem „dämlichen Schlaganfall“ – „für was der alles gut ist“ – mit dieser Akustik-Tour etwas ruhiger angehen, wobei diese schon lange vorher geplant, aber nie zustande gekommen war. Erst der Schlaganfall hatte die nötige Zeit für dieses Projekt gebracht.

Nun war es Niedecken aber zu „langweilig“, auf der Klampfe in Lagerfeuer-Manier die alten Hits runterzuspielen, wie er selbst klarstellte. Deshalb entschied er sich für eine musikalische Weltreise mit einer wunderbaren Band, die viele Instrumente zum Klingen brachte, die uns tief in den Süden entführte, etwa nach Marokko, wo Niedecken so manches Stück geschrieben hat. Wer hätte gedacht, dass selbst ein Hit wie „Kristallnacht“ mit Saz-Intro funktioniert? Zu den Trommeln gab es eine Bauchtanz-Einlage. Ein BAP-Konzert wie ein Märchen aus tausendundeiner Nacht!

Trotz so mancher „B-“ oder „C“-Seite, die Niedecken besang, durften weitere Hits natürlich nicht fehlen, der „Frauenname mit vier Buchstaben“ zum Beispiel, ein Song, den Niedecken eigentlich nie mehr spielen wollte. „Anna, Anna, drieh dich nicht ömm“ – das ist BAP, und sofort ist das Publikum da, fertig zum Klatschmarsch, Kammermusik hin, Kammermusik her. Spätestens, als der 63-Jährige den Millionen-Hit „Verdamp lang her“ anstimmte, war es fast wie früher in den Achtzigern, als die Republik den Kölnern, damals noch mit Gitarrist „Major“ Hauser zu Füßen lag. In dem bestuhlen Konzert war dann kein Halten mehr, viele standen auf, tausendfach schallte es im Chor: „...und reichlich desillusioniert!“ Nur die elektrischen Gitarren, die sonst krachen, sie fehlten.

Doch selbst nach einem solchen Stimmungsgewitter kehrte Niedecken immer wieder zu seiner Linie der ruhigeren Stücke zurück, die oft auch nach Folk klangen. Neben ihm leuchtete ein guter alter Lampenschirm, wir sind ja alle nicht mehr die Jüngsten, und als Zugabe schrieben wir den vielleicht schönsten Brief der Musikgeschichte („Do kanns zaubre“), bevor uns fantastische Geigenklänge in eine kühle Sommernacht am Kemnader See entließen.