Als die Bagger anrückten

Die Bäckerei Grasedieck war einst Helfer in der Not. Hier ist das Gebäude nur noch ein trauriger Trümmerhaufen.
Die Bäckerei Grasedieck war einst Helfer in der Not. Hier ist das Gebäude nur noch ein trauriger Trümmerhaufen.
Foto: Sammlung Gerhard Wojahn
Neues aus Klein Langenberg: Luftangriffe, Wiederaufbau und das Ende für das Altstadt-Viertel.

Hattingen..  Ab dem Jahr 1942 verbrachten die meisten Bewohner bei Fliegeralarm fast jede Nacht dicht gedrängt in dem Kellergewölbe des Hauses Nr. 6, dem einzigen bruchsteinernen Bau. Großes Glück hatten wir, als am 14. Mai 1943 um 2.02 Uhr direkt nach dem Abwurf von Brandbomben durch alliierte Flugzeuge das Feuer in zwei unserer Wohnhäuser entdeckt wurde. Ungeachtet des Pfeifens und Heulens der vom Himmel fallenden Bomben und der explodierenden Flakgranaten konnten die mutigsten Leute aus dem Luftschutzkeller die Flammen schnell unter Kontrolle bringen und damit einen Großbrand verhindern. Es war eine Nacht voller Angst und Schrecken.

Grausam wurde es am 18. März 1945 nach dem schweren Luftangriff auf Hattingen. Ein Volltreffer nahe dem Wasserturm an der Waldstraße zerstörte das Hauptrohr und machte die Stadt Hattingen wasserlos. Bürger aus unserer Gasse holten sich ungeklärtes Wasser in Eimern aus der Ruhr. Da man nichts von dem kostbaren Nass verlieren wollte, wurde die Wasseroberfläche mit einem Aufschnittbrettchen abgedeckt. Die mutigen Wasserschlepper befanden sich in großer Gefahr, denn die Jagdbomber schossen in die Straßen. Das war furchtbar.

In den harten Nachkriegsjahren 1945/47 hatte unsere Familie einen Vorteil. Denn zu unserer Wohnung gehörte ein Hausgarten mit einem Hühner- und Kaninchenstall. Sechs Hühner und acht Kaninchen waren zu versorgen. An Wegrainen zum Beuler Büschchen suchte ich Klee und Löwenzahn für unsere Stallhasen. Nach der Getreideernte sammelte ich Ähren auf den Feldern. Aus den Körnern wurde Kornkaffee geröstet, auch unsere Haustiere freuten sich auf eine Körner­mahlzeit.

Im Herbst suchten Mutter und ich im Schulenberg Pilze und waren an allen Suchtagen erfolgreich. Ein Körbchen voll Hallimasch-Pilze war jedes Mal eine Bereicherung unseres Küchenplans.

Die Senior-Chefin der Bäckerei Grasedieck gab uns Nachbarn an den Backtagen vorsorglich schon am frühen Morgen den Hinweis, dass Maismehl aus Amerika geliefert worden sei und mittags um zwei Uhr die Mais-Brote die Backstube verlassen würden. Aus jeder Familie stellte sich einer in die Menschenschlange vor der Ladentür. Die Ersten in der Schlange hatten die beste Aussicht, ein Brot, damals nur auf Lebensmittelkarten, zu erhaschen.

Der Kampf ums Überleben in so schlechter Zeit kostete Nerven, Ausdauer und Durchhaltevermögen. Aber wir hielten durch.

Der schreckliche Zweite Weltkrieg wurde in Klein Langenberg trotz erheblicher Bombenschäden einigermaßen gut überstanden. Aber große Knall kam im Jahr 1969, als bekannt wurde, dass in Hattingen ein großes Warenhaus als Magnet für die neue autofreie Fußgängerzone angesiedelt werden soll. Der Handel stagnierte, das Absinken im sozialen Ansehen war zu befürchten. Die Flächensanierung für Klein Langenberg wurde allein schon wegen der schlechten Wohnqualität beschlossen. Auf einer Tafel stand geschrieben: „So bitter es klingt, die alten Städte sterben!“

Mehrere Bewohner waren in unserer Altstadtgasse geboren und verbrachten hier nun auch ihren Lebensabend. Trotz der zahlreichen Einschränkungen aufgrund der kleinen Wohnungen, die unzureichenden Toilettenanlagen usw. ­fühlten sich die Menschen wohl. Ungeachtet dessen gingen 1969 für alle die Lichter aus. Mit Wehmut mussten die Alteingesessenen ihr geliebtes Milieu verlassen. Die Familien konnten auf das ganze Stadtgebiet verstreut untergebracht werden und somit blieben sie Hattingen treu. Die Bewohner fanden sich mit den Gegebenheiten ab und meinten: „Wir können sowieso nichts daran ändern.“

Klein Langenberg wurde Anfang der 1970er Jahre im Zuge der flächendeckenden Sanierungsmaßnahmen völlig abgerissen. Der Bagger hatte unser Wohnquartier, die Fachwerkhäuser, darunter auch das Geburtshaus des Otto Wohlgemuths, abgerissen sowie die Stadtmauern und Kleingartenanlagen entfernt. Damit gehörte diese Kolonie unwiederbringlich der Vergangenheit an.

So fand ein namhaftes Kaufhaus seinen Standort. Im Februar 1976 wurde Karstadt eröffnet.

Anekdoten sind ein Lebensschatz

„Die Anekdoten aus Klein Langenberg sind persönliche Erlebnisse, die Bilder sind persönliche Eindrücke und gesammelte Dokumente sowie Rückblicke auf die alten Zeiten. Gegenwart und Vergangenheit rücken dabei zusammen als Brücke von Heute und Gestern.

Ich halte es für einen Lebensschatz, wenn solche Erinnerungen nicht verloren gegangen sind, sondern so wieder lebendig werden. Lasst uns das Alte Schöne bewahren! Bald kommt der Moment, dass es Zeitzeugen nicht mehr gibt.“ Gerhard Wojahn

 
 

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