30 Minuten oder zwei Holzklötze

Foto: Joachim Haenisch / WAZ FotoPool
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Keine Geldfrage: Tauschring Hattingen wechselt Geschenke. Seit bald zehn Jahren helfen sich die Mitglieder gegenseitig.

Hattingen..  Sie kommen nicht darum herum, auch ein bisschen Zeit zu tauschen, obwohl eigentlich Geschenke heute im Mittelpunkt stehen. Mit großen schwarzen Augen liegt die weiße Robbe neben dem Hörbuch „Best of Hermann Hesse“. Auch ein blaues Halstuch mit Blümchen und eine beigefarbene Hose wurden verstoßen. Passt nicht, gefällt nicht, ist doppelt. Kein Problem, weiß der Tauschring: Weihnachtsgeschenke wechseln einfach den Besitzer. Und wer nichts findet, tauscht eben mit Zeit.

Hans-Werner Tyczewski (63) legt ein Buch von Nietzsche auf den Tisch. „Eigentlich ein Volltreffer, ich lese gerne philosophische Bücher. Aber ich habe es doppelt geschenkt bekommen – von einer guten Bekannten und einem Freund.“ Da hatten zwei den gleichen Gedanken. Also kommt die Literatur zur Robbe aus Plüsch auf den Tisch. Hans-Werner Tyczewski hat aber schon etwas Neues entdeckt: ineinander verankerte Holzklötze. „Die baue ich auseinander und kriege sie wahrscheinlich nie wieder zusammen“, sagt er lachend. Etwas zum Tüfteln und eine Geduldfrage.

Die Holzbausteine stammen aus dem Zuhause von Frauke Roschkowski (49). Das Nietzsche-Buch nimmt sie aber nicht. Im Gegenzug dafür fragt sie Hans-Werner Tyczewski lieber, ob er ihr für die Holzklötze nicht 30 Minuten schenken kann. „Können wir so machen“, sagt er zu.

30 Minuten schenken? Wie soll das gehen? Frauke Roschkowski: „Ich möchte bald umziehen, und könnte Hilfe gut gebrauchen.“

Da werden auch die anderen Mitglieder vom Tauschring hellhörig: Sie helfen alle gerne. Geben und nehmen – dafür stehen die Mitglieder des Tauschrings seit bald zehn Jahren. Sie tauschen tatsächlich Zeit. Das funktioniert so: Ein Mann geht für eine Frau das Mittagessen einkaufen, das dauert eine Stunde. Diese Stunde wird dem Mann dann auf sein Zeitkonto gutgeschrieben und er bekommt dafür im Gegenzug einen anderen Gefallen von der Frau oder auch von anderen Mitgliedern. „So hat sich eine Dame ihren 80. Geburtstag organisieren lassen“, erklärt Beate Langner vom Tauschring. „Sie hat sich einen großen Kuchen backen lassen und hat dafür später schöne Grußkarten gestickt.“

Beate Langner hat über den Tauschring auch schon einmal das Kinderzimmer ihrer Tochter aufräumen oder sich eine Kette basteln lassen. „Die Perlen für die Kette habe ich aber selbst bezahlt.“ Denn Geld soll dabei keine Rolle spielen. Seit dem Jahr 2002 ist Beate Langner beim Tauschring. Sie erklärt, wie sie dazu kam: „In der Kfz-Werkstatt meines Mannes wollten ständig einige umsonst ihr Auto waschen oder auch etwas kostenlos daran reparieren lassen“, sagt sie, „als wir dann irgendwann umgezogen sind, waren sie alle da und haben uns geholfen.“ Ihr Mann kommt vom Lande, aus dem Westerwald. „Da ist es normal, dass man sich gegenseitig hilft.“

 

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