„Wir wissen bis heute nicht, wer uns verraten hat“

Haspe..  Es war an einem schönen Nachmittag. „Wandern“, sagt Herbert Wils, „das war in dieser Zeit ,in’. Wir waren ja in Luftschutzbunkern aufgewachsen. Jetzt wollten wir raus in die freie Natur. Das konnte uns keiner nehmen.“

Wils, Mitte 20, und seine Freunde machten sich zu Fuß von Hagen aus auf den Weg. In der Jugendherberge an der Glörtalsperre quartierten sie sich ein. Sie saßen draußen. Herbert spielte Gitarre, und mit seinen Kumpels sang er diese Zeilen. Sie sangen das Lied der Nationalen Kulturgruppe der Freien Deutschen Jugend (FDJ). So lange, bis die Polizei an der Herberge vorfuhr und Wils verhaftete. 57 Jahre ist das jetzt her.

Sechseinhalb Jahre im Gefängnis

Die Geschichte über Herbert Wils ist keine gewöhnliche Geschichte. Sie ist eine über jenen Mann, der heute mit 83 Jahren in Haspe lebt, Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) ist und sich selbst noch immer als überzeugten Kommunisten sieht. Es ist eine Geschichte über einen Mann, der in der Zeit der Regierung Adenauer eingesessen hat. Es ist eine subjektive Geschichte, die die Ereignisse einer Zeit aus der Sicht eines Ehepaares beschreibt, das die BRD in der Wirtschaftswunderzeit als Unrechtsstaat empfunden hat.

Dreimal wurde Herbert Wils eingesperrt. Fast sechseinhalb Jahre seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht. So lange, wie kaum ein anderer Kommunist nach dem Krieg in der BRD. Wils wurde verurteilt, weil er verbotene Lieder sang, weil er ein Transparent mit einem Stalin-Zitat an der Stadthalle anbrachte und weil er eine kommunistische Zeitung herausbrachte. Er saß ein, weil seine Überzeugung so gar nicht in die Zeit passte, in der sich die Bundesrepub­lik gründete und die Kommunistische Partei verboten wurde.

Wils aber hat nicht nur an der Glörtalsperre gesungen. Er sang auch im Gerichtssaal. „Während des Prozesses bekam der Richter die Liedzeilen nicht zusammen“, sagt Wils und grinst. „Da hat er mich gefragt, ob ich denn bereit wäre, ihm das Lied noch einmal vorzusingen.“ Wils stimmte zu, verlangte allerdings nach seinem sichergestellten Instrument. „Herr Richter, habe ich gesagt – ohne meine Gitarre kann ich nicht singen.“

Erste Verurteilung mit 22

Geholfen hat ihm seine „Kooperationsbereitschaft“ wenig. Wils wurde verurteilt, weil er Lieder gesungen hatte mit „sowjetionalen Texten“ und weil er verdächtig war, seine Freunde zu indoktrinieren. 18 Monate Gefängnis. Und weil er Berufung einlegte, wurden daraus rund 21 Monate.

Es war aber nicht das erste Mal, das Wils einfuhr. Als er 22 Jahre alt war, wurde er zum ersten Mal verurteilt. „Ich war nachts über eine Feuerleiter auf die Ruine der Stadthalle auf der Springe geklettert“, sagt Wils, „oben auf den Rand des Dachs habe ich ein Transparent gelegt und daran eine Schnur befestigt.“

Als am nächsten Morgen die Menschen zum Markt auf der Springe strömten, zog Wils unten an der Schnur. „Ich wünsche der deutschen Jugend viel Erfolg in ihrem Kampf – J.W. Stalin“ stand darauf zu lesen. Noch auf dem Marktplatz wurde Wils verhaftet. „Die kannten mich ja schon“, sagt Wils und lacht, „auf der Wache in der Prentzelstraße haben die Polizisten versucht, mich weichzuklopfen.“

Trotzdem ewiger Rebell geblieben

Eine eigens für politische Verfahren eingerichtete Sonderstrafkammer in Dortmund verurteilt Wils zu 13 Monaten Gefängnis. Auch nach zwei Verurteilungen, nach der Heirat mit seiner Frau Ingrid und nach der Geburt der beiden Kinder blieb Wils der ewige Rebell, ein Sturkopf, wie er selber sagt, der sich nicht unterkriegen lassen wollte. Wils wurde Betriebsrat bei Wittmann in Haspe und operierte im Verborgenen für die mittlerweile verbotenen Kommunistische Partei Deutschlands. Anfang der 60er Jahre schickten die Richter Wils zum dritten Mal in den Knast. Seine Frau Ingrid war erwischt worden, als sie eine kommunistische Zeitung druckte.

„Wir sind damals verraten worden von DDR-Flüchtlingen, die in dem Haus untergekommen waren, in dem wir die Zeitung erstellten“, sagt Ingrid Wils. „Mich haben sie sofort festgenommen. Dann sind sie zu unserer Wohnung gefahren und haben Herbert verhaftet. Unsere Kinder haben sie einfach sitzen lassen, ohne sich zu kümmern. Die waren damals drei und eineinhalb Jahre alt.“

Neun Monate für Ingrid Wils, 30 Monate für Herbert lauten die Urteile, die die Richter fällen. „Das waren hanebüchene Prozesse“, sagt Ingrid Wils, „teilweise wurden Zeugenaussagen vom ,Hörensagen‘ verlesen. Da konnte alles behauptet werden. Wie sollte man sich da verteidigen?“

Das schafften selbst die angesehensten Strafverteidiger wie der spätere NRW-Justizminister Diether Posser nicht. „Der hat mich mal in einer Verhandlungspause zur Seite genommen und gesagt: Egal, wie wir hier argumentieren, das Urteil gegen Sie steht schon längst fest“, berichtet Herbert Wils. Wils, der Kommunist, wird in dieser Zeit zu einer Ikone im Osten. Immer wieder berichten die Zeitungen über das Schicksal der Familie und über jenen Mann, der für seine Überzeugung in der Bundesrepublik einsitzen musste. „An Weihnachten fuhr vor unserer Wohnung immer ein Postwagen vor, der Pakete nur für uns brachte“, sagt Herbert Wils. Geschenke aus dem Osten für eine Familie, die das Fest Jahr für Jahr ohne den Vater feiern musste.

Alle Hebel in Bewegung gesetzt

Während Herbert Wils in Essen im Gefängnis sitzt, setzt Ingrid alle Hebel in Bewegung, um für ihren Mann eine vorzeitige Entlassung zu erreichen. „Ich habe offene Briefe geschrieben, selbst Bundestagsabgeordnete von CDU und SPD haben sich dafür eingesetzt, dass Herbert entlassen wird“, sagt sie. Immerhin: Am 1. Dezember 1964 kam Wils frei. Offiziell gibt man einem Gnadengesuch des Militärbischofs Kunst statt. „Als ich davon gehört habe, habe ich die ganze Nacht in meiner Zelle gesungen“, sagt Wils, „hunderte Menschen haben mich vor dem Gefängnis empfangen.“

Hunderte Karten aus der ganzen Welt

Weihnachten konnte Herbert mit seinen Kindern und seiner Frau feiern, obwohl er noch bis Mitte Januar hätte einsitzen müssen. „Ich glaube, die hatten vor allem Angst, dass die Poststelle des Gefängnisses zusammenbricht. Ich habe jedes Jahr mehrere 100 Karten aus der ganzen Welt bekommen“, sagt Herbert Wils.

Das Land, das Wils in seinen Medien zu einem Helden machte, wollte das Ehepaar aber nie als Bürger. „Einen Ausreiseantrag hat uns die Bundesrepublik genehmigt, unsere Einreise hat die DDR aber immer abgelehnt“, sagt Herbert Wils, der betont, nie Kontakt zur Stasi gehabt zu haben, „über die Kommunistische Partei hatten wir angefragt. Aber man hat uns signalisiert, dass man uns lieber in der BRD sähe.“

Also bleibt er, findet schließlich – weil er in Hagen als nicht vermittelbar galt – eine Arbeitsstelle in Gevelsberg. „Dort habe ich 15 Jahre für die DKP im Rat gesessen“, sagt Wils, „dabei hatten sie mir für acht Jahre meine bürgerlichen Rechte entzogen. Eigentlich hätte ich gar kein öffentliches Amt bekleiden dürfen. Aber das hat damals keiner bemerkt.“

Alle Urteile nicht nachvollziehbar

Ingrid und Herbert Wils bereuen nichts von dem, was sie getan haben. „Sie wollten mir das Rückgrat brechen, aber das haben sie nicht geschafft“, sagt Herbert Wils. An den Idealen des Kommunismus halten sie bis heute fest. „Nicht aber an allem, was daraus in verschiedenen Ländern gemacht worden ist.“

Das wiedervereinigte Deutschland prangert das Paar auch heute noch an. „Im Osten wird alles aufgearbeitet, jeder Denunziant wird namentlich benannt. Der Teil der Geschichte, der unser Leben geprägt hat, wird totgeschwiegen. Wir wissen bis heute nicht, wer uns verraten hat.“

 
 

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